Zählt das originäre Geschäftsmodell noch etwas?

Oder ist alles nur noch Spekulation?
Wenn man sich die riesigen Deals im eCommerce in der jüngeren Vergangenheit ansieht (Zalando, Fab.com,…), dann kommen einem schon so ein paar Gedanken…

Ich habe mich – auch aus eigener Erfahrung mit VCs – angefangen zu fragen, ob das eigentliche Geschäftsmodell (und der Innovationsgrad) überhaupt noch etwas zählt, oder ob es nur noch um Spekulation geht.
Gigantische Summen werden in Unternehmen investiert. Klar – nicht zum Selbstzweck, sondern das Geld wird natürlich auch ausgegeben – in Werbung, Internationalisierung, Logistikzentren usw. Alles schön und gut.
Nehmen wir uns einmal das Beispiel Zalando. Schon bewundernswert, in welch kurzer Zeit eine riesige Summe Geld für radikale Marktveränderungen in eigentlich verteilten Märkten sorgen und das neoklassische “Gleichgewicht” durcheinander wirbeln kann. Der Bekanntheitsgrad ist extrem nach oben geschnellt und auch Arbeitsplätze wurden geschaffen usw. Aber auf der anderen Seite hat Zalando die Schuhindustrie (und jetzt auch Bekleidung) radikal verändert. Viele Schuhhändler sind und werden in ihrer Existenz bedroht – am Ende jedoch ein Nullsummenspiel (denn mit der Schaffung von Arbeitsplätzen werden mindestens ebensoviele vernichtet) auf altem Entwicklungsniveau. Der Schuhmarkt konsolidiert sich und wird oligopolistischer – mit allen Vor- und Nachteilen.
Was ist aber mit dem eigentlichen Geschäftsmodell? Einfacher Schuhverkauf im Internet ist sicher (auch künftig) nicht das Geschäft, mit dem man hohe Renditen erzielen kann. Schon gar nicht bei Versandkostenfreiheit, hohen Retourenquoten und Bewirtschaftung von großen Logistikcentern.
Die hunderten von Millionen, die investiert wurden, werden sicher nicht oder wenn überhaupt, dann erst in Jahrzenten aus dem originären Geschäft (Verkauf von Schuhen und Mode) erwirtschaftet.
Es geht aus meiner Sicht daher hierbei nur um reine Finanzspekulation. Die Chance, die erworbenen Anteile einem Dritten teurer zu verkaufen sind enorm. Wohl dem, der früh dabei war – den letzten beissen die Hunde. Da wird aus meiner Sicht rein finanzspekulativ etwas hoch gehalten, was vom reinen Wert des Geschäftsmodells kaum etwas Wert wäre. Der Gewinn und die Rendite findet im reinen Finanzsektor bzw. im Spekulativen Bereich statt. Wann und ob bspw. Zalando aus dem eigentlichen Geschäftsmodell ein tragfähiges machen wird, steht in den Sternen – vielleicht langfristig, wenn alle anderen und zuvor sogar eigentlich solide Unternehmen platt gemacht wurden bzw. mit den gigantischen Investitionssummen nicht mithalten können.
Letztendlich wurde ja kein neuer Markt geschaffen – die Menschen kaufen dadurch auch nicht mehr Schuhe oder Kleidung – nur eben woanders. Es wird lediglich ein bereits verteilter Markt um- bzw. neu verteilt.
Das Geschäftsmodell hinter dieser Strategie ist eigentlich vollkommen egal (Schuhe, Möbel, Mode, Elektronik,…) – auch, ob es jemals für sich genommen ein tragfähiges Geschäft wird. Das Ganze geht solange gut und kann auch längerfristig hoch gehalten werden, solange alle Finanzinvestoren sich untereinander an die Spielregeln halten und/oder das Unternehmen an die Börse gebracht wird. Auch dort wird man den künstlich geschaffenen Wert sicher noch eine Zeit lang hoch halten können.
Alles schön und gut und die Investoren, die mit hohen Summen zum künstichen Hypen und Aufpumpen der Blase eines eigentlich “alten” Geschäftsmodells und zur “Marktbereinigung” bzw. “Umverteilung” beigetragen haben, werden sicher für sich ein gutes Finanzgeschäft machen können. Aber irgendwie Exciting ist das alles nicht…
Ich frage mich, was der gesellschaftliche Nutzen und der Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung ist. Ist dieses Geld so investiert, dass es die Gesellschaft und/oder Wirtschaft wirklich weiter bringt oder doch nicht eher so, dass nur einige wenige möglichst schnell viel Geld verdienen können?
Hat uns bspw. Zalando gesellschaftlich und wirtschaftlich irgendwie voran gebracht? Schreien wir vor Glück?
Die zentralen Fragen sind für mich:
Leben wir dadurch gesünder? Leben wie “besser”? Werden weniger Menschen ausgebeutet und auch die Arbeitsbedingungen verbessert? Gibt es weniger Kinderarbeit? Werden netto mehr Arbeitsplätze geschaffen? Geht es der Umwelt dadurch besser? Ist die Zerstörung anderer Unternehmen in diesem Markt auch eine schöpferische, d.h. wurde durch Innovationen die wirtschaftliche Entwicklung vorangetrieben – für neues wirtschaftliches Wachstum? Was würde uns fehlen, wenn es bspw. Zalando oder Fab.com etc. nicht geben würde?
Ich stelle mir in diesem Zusammenhang die Frage was wäre, wenn die Investition eher in wirtschaftliche und/oder ethisch korrekte Entwicklung und Innovationen geflossen wäre? Ich will ja aus den Samwers und Investoren nicht gleich Heilige machen und mit deren kurzfristigen Denke ist sicher viel schneller viel Geld zu verdienen als durch Innovation – alles auch eine Frage der Ethik in mehrfacher Hinsicht.
Investitionen in die Zukunft bzw. Innovationen können nicht so schnell und “erfolgreich” in den Markt eingeführt werden, wie es Finanzspekulationen in bestehende Märkte und in bereits vorhandene Geschäftsmodelle scheinbar möglich machen, Geld zu verdienen. Dafür sind die Phasen der Überzeugung von Menschen und die Änderung von Gewohnheiten (z.B. etwas für die Gesundheit oder Umwelt zu tun, ein neues innovatives Gerät zu benutzen,…) etc. einfach zu lang, Schwerfällig und mit Risiken und Stolpersteinen verbunden. Schneller geht es natürlich, wenn die Veränderungen nicht so groß sind – also man als Kunde einfach nur die Einkaufsquelle wechselt und man als Innovator bzw. Unternehmer nicht erst “Überzeugungsarbeit” leisten muss, das Verhalten zu ändern oder etwas anders bzw. neu zu machen.
Reine Manager-Aufgaben, wie bestehende Märkte umverteilen ist einfach trivialer, als neue zu schaffen. Dies geht aber nur, indem man diese hohen Summen investiert und Finanzhürden aufbaut, wo etablierte Unternehmen ohne entsprechende Möglichkeiten nicht mithalten können. Um einen Schuhhandel aufzubauen und zu betreiben braucht man nicht soviel Geld – um den Wettbewerb zu eliminieren schon.
Nur tritt Wirtschaft und Gesellschaft mit einer solchen Denke weiter auf der Stelle – auf gleichem Entwicklungsniveau und alten Märkten – und entwickelt sich somit perspektivisch eher zurück und nicht nach vorne – hinter die USA, China, etc. Langfristig schadet dies dann einfach Wirtschaft, Gesellschaft, Lohn- und Sozialniveau.

In eigener Sache: Neues Blog zum Thema Verschmelzung Online/Offline

Da aus meinen Erkenntnissen heraus die Überzeugung gereift ist, dass die Zukunft des Internets offline ist, habe ich mich dazu entschlossen, einen speziellen Blog zu dem Thema “das Web in die reale Welt zu bringen”, aufzusetzen. In der derzeitigen blogosphäre herrscht hier meines Erachtens noch eine große Lücke. Es gibt viele Blogs zum Thema eCommerce, für mCommerce, stationärer Handel oder Katalog-Versand und auch einige für 3D-Druck. Die Verschmelzung von Online- und Offline-Welt aus ganzheitlicher Sicht – insbesondere als Strategie- und Practice-Blog für den Handel fehlt jedoch.

Da es um Online trifft offline geht, also reale und digitale Welt zusammenzubringen, habe ich den Blog regital.de getauft.

Die Themenschwerpunkte werden diese sein, die sich rund um Geschäftsmodelle zu dem Thema – insbesondere aber den Handel betreffen, beschäftigen.

Es geht also um QR-Shopping, Augmented-Reality, 3D-Druck, NFC, DIY,…

Ich würde mich freuen, wenn Ihr Euch auch dort mit mir auf die neue Reise begebt…

Re-Industrialisierung in der Wissensgesellschaft

Die westliche Welt ist in der Wissensgesellschaft angekommen, die Produktion wurde in andere Länder verlagert und es entstehen derzeit zwei Lager. Die einen wollen noch mehr Verlagerung von Produktion ins Ausland und Detutschland etc. zu einem reinen (virtuellen) Wissens-, Service- und Dienstleistungs-Land machen. Die anderen fordern eine Re-Industrialisierung in Deutschland, der EU und den USA.

Hierzu habe ich mir ein paar Gedanken gemacht.

Schauen wir einmal ein wenig zurück:
Warum wurde in den letzten Jahren die Produktion in andere Länder verlagert?

Es waren zum einen handelsrechtliche Beschränkungen (bspw. China mit Import-Kontingenten), Know-How oder Kostengründe. Oftmals haben letztere überwogen.

Die Verlagerung aus Kostengründen konnte ja nur ein temporäres Phänomen sein, wenn die Kostenminimierungs-Karawane immer weiter von Land zu Land gezogen ist. Es ist ja klar, dass in den Ländern, in denen sich Industrie ansiedelt, irgendwann die Produktionskosten steigen, die Arbeitsbedingungen, Löhne, etc. westlichen Standards angeglichen werden, etc., sodass die zusätzlichen Transportkosten, Transportzeiten etc. die immer kleiner werdenden Kosteneinsparungen nicht mehr rechtfertigen.

In den Ländern, in denen in hoher Qualität gefertigt werden kann, sind die Zeiten von Ricardos komperativen Kostenvorteilen längst vorbei.

Zudem hat man sich neue Wettbewerber auf einem hohen Qualitätsniveau herangezüchtet.
Schauen wir einmal auf China: Früher konnten sie nur “billig” und keine hohe Qualität. Heute stellen sie hochwertige Innovations-Produkte (bspw. Apple) in einer Qualität her, die man selbst gar nicht mehr erreichen könnte.

Es entsteht nun langsam in diesen Ländern nicht mehr nur das Produktions-Know-How auf hohem Niveau, sondern auch das Innovations-Know-How, Unternehmertum, etc. Und genau dadurch besteht für die westlichen Länder die Gefahr im „Armenhaus“ zu landen (gegen China kann man auf diesem hohem Niveau nur verlieren) als dadurch, an Re-Industrialisierung auf einem anderen Evolutions- und Entwicklungslevel zu denken.

Länder wie China können mittlerweile Produktion- und Innovation und wollen/müssen irgendwann nicht mehr nur Handlanger der westlichen Länder sein – brauchen uns also gar nicht mehr. Womit verdienen dann aber westliche Länder noch Geld?

Re-Industrialisierung sollte aus meiner Sicht nicht ein Rückschritt zu alten Strukturen sein, sondern Re-Industrialisierung auf einem höheren (Wissens-/Informations- plus Industriegesellschafts-) Niveau.

Meiner Meinung nach wurde das Problem immer größer, indem wir nicht mehr nur die Produktion unserer Routine-/Standard-Produkte in andere Länder ausgelagert hatten, sondern auch die Produktion unserer Zukunftsprodukte und Innovationen. Also die Produktion von Produkten, von denen unsere wirtschaftliche Entwicklung abhängt. Früher wurde erst in späteren Phasen des Produkt-Lebenszyklus (im Effizienzbereich) die Produktion in andere Länder verlagert. Je mehr die Produktion in immer früheren Produktlebenszyklus-Phasen in andere Länder ausgelagert wurde, desto mehr konnten sich die Länder auch Innovations-KnowHow und nicht mehr nur Standardisierungs-KnowHow aneignen und wir haben entsprechend das Produktions-KnowHow von Innovationsgütern verloren.

Produktion von Neuem bedeutet Neues in der Produktion, d.h. Produktionswissen wird zu einem entscheidenden Faktor bei der Herstellung von Innovationen bzw. Neuerungen, die es bislang noch nicht gab. Gerade bei Innovationen sollten wir daher über eine Re-Industrialisierung nachdenken.

Ich finde Aussagen, wie “wir sind eine reine Wissensgesellschaft” daher recht gefährlich.

Im Zuge der Konzentration auf wissensbasierte Leistungen haben wir das Wissen zur Produktion von Innovationen aus der Hand gegeben. Also das Wissen zur Herstellung von neuen Produkten, mit denen man künftig noch Geld verdienen kann und von der die wirtschaftliche Entwicklung abhängt.

Wozu braucht man künftig noch unsere westliche Wissensgesellschaft? China kann es mittlerweile fast ebenso gut – Dinge erfinden, am Markt durchsetzen und produzieren. Die Solar-Branche ist hierfür ein schönes Beispiel: Ein gigantischer Zukunftsmarkt, der noch immer gerade am Anfang der Entwicklung steht und auf Jahre noch enormes neues Wissen verlangen wird – nur wir werden damit kein Geld mehr verdienen (weil wir diese Branche zu früh aus der Hand gegeben haben bzw. geben mussten). Wissensgesellschaft hin oder her – denn dies ist passiert, obwohl Wissen noch auf Jahre in diesem Bereich verlangt werden wird. Die Abschöpfung der Innovationsrendite, die Weiterentwicklung der Technologie, selbst den Verkauf des KnowHows zur Produktion überlassen wir künftig anderen Ländern. Dies ist erst der Anfang einer gefährlichen Entwicklung.

Wenn ich daher von Chancen einer Re-Industrialisierung rede, dann beziehe ich mich im Wesentlichen auf die ersten und frühen Phasen des Produkt-Lebenszyklus, wo Wissensgesellschaft und Produktion zusammenfließen. In späteren Phasen wandert die Produktion dann ab. China, Indien und andere Länder drängen nun jedoch in immer frühere Produkt-Lebenszyklus-Phasen ein und kopieren nicht mehr nur, sondern innovieren mittlerweile auch. Wissen für Innovation und KnowHow zur Produktion fallen dort immer stärker zusammen. Womit wollen wir künftig noch Geld verdienen, wenn niemand mehr unser Wissen benötigt und wir nichts mehr herstellen können? Wir können zwar tolle Sachen erfinden, aber die Länder, die diese Erfindungen für uns produzieren könnten, ziehen entweder das Thema so schnell an sich, dass wir es zu früh aus der Hand geben müssen, oder sie erfinden selbst.

Möchte sich ein Land weiterentwickeln, dann funktioniert dies m.E. nur, wenn man kontinuierliche wirtschaftliche Entwicklung durch Innovation betreibt. Und natürlich auch die Früchte der Innovation ernten kann – und dies bedeutet letztendlich auch Produktion in den ersten Phasen des Produktlebenszyklus.

Ich glaube nicht, dass sich Länder wie China etc. dauerhaft auf Produktion von westlichen Produkten ausruhen werden…

Meine Theorie hierzu ist eigentlich ganz einfach:

Prämisse: Es wird weiterhin Innovationen bei realen Gütern geben.

Situation im 20.Jhd.:

  • westliche Länder: Innovation und Produktion der Innovationen im eigenen Land
  • ärmere Länder: Nix

Situation Ende 20./Anfang 21.Jhd.:

  • westliche Länder: Innovation und Produktion von Innovationen in den westlichen Ländern. Trend zur Wissensgesellschaft in den westlichen Ländern.
  • ärmere Länder: Westliche Länder verlagern die Produktion von mittlerweile standardisierten Routine-Gütern (und somit standardisierten Produktionsprozessen, wo wenig Wissen/KnowHow benötigt wird) in günstigere Länder (Ricardo-Theorie). Manche arme Länder lernen mit der Zeit dazu und entwickeln eigenes Produktions-Know-How und Wissen. Werden zu emerging Markets.

Heutige Situation:

  • westliche Länder: Wissensgesellschaft, Innovation, keine Produktion von Innovationen bei der enormes Produktions-Know-How/Wissen verlangt wird (Beispiel iPhone5).
  • emerging Markets (ärmere Länder, die sich weiter entwickelt haben, wie China, Indien, etc.): Produktion der Innovation, Erlernen von Produktions-KnowHow/Wissen zur Herstellung von hochkomplexen und qualitativ hochwertigen Innovationen.
  • arme Länder: Weiter Produktion von Routine-Gütern

Zukunft:

  • westliche Länder: Wissensgesellschaft ohne Produktions-KnowHow: Innovationen/Erfindungen, keine Umsetzung der Innovationen. Fallen zurück, da keiner die Innovationen produzieren kann (welche Länder wären dazu in der Lage?) Kann man in Bangladesh qualitativ hochwertige Innovationen produzieren? Könnte ein iPhone5 in der Komplexität und Qualität dort hergestellt werden? Können nur noch Innovations-Ideen produzieren und konzipieren, aber nicht mehr umsetzen.
  • emerging-Markets: Wollen nicht mehr nur reine Produzenten der westlichen Welt sein, sondern sich auch immer weiter entwickeln. Überholen somit westliche Länder, da sie mittlerweile selbst in den Zukunftsmärkten innovieren und produzieren können (siehe Solar-/Energie-Branche, Umweltschutz, Medizintechnik, Elektromotoren, etc.). Erfindung/Innovation UND Produktion von Zukunfts-Produkten (nicht Routine-Produkten), wie erneuerbare Energien, Medizintechnik,… und somit Produkte, die wir dann als westliche Welt benötigen werden, findet in den heutigen emerging-Markets statt – auf einem höheren volkswirtschaftlichen Entwicklungsniveau der bisherigen westlichen Länder.

Der KnowHow-Verlust in der westlichen Welt ist längst spürbar. Die deutsche Automobilindustrie beklagte noch vor Kurzem den Fachkräftemangel und dass sie bei der Entwicklung von Elektromotoren nicht weiter kommen, da es zu wenig gute Elektroingenieure in Deutschland gibt. Das KnowHow hierfür ist längst in den emerging Markets.

Es geht für mich nicht um die Zurückholung der Produktion von Routine-Gütern mit den Aspekten Arbeitergesellschaft, Billig-Löhne, Einfache Arbeit, Armut, etc., sondern um das Zurückholen der Produktion von Innovations-Gütern, wofür höchst qualifizierte und sehr gut bezahlte Ingenieure etc. benötigt werden.

Echte Innovationen und Basis-Innovationen können nicht von einfachen Arbeitern hergestellt werden. Die ersten Computer wurden nicht in Billiglohn-Ländern produziert. Das Problem ist nur, dass westliche Länder – und insbesondere Deutschland – seit langem keine echte (Basis-) Innovation mehr hervorgebracht haben – trotz Wissen/Wissensgesellschaft. Mir fällt zumindest kein Beispiel ein… Euch? Vielleicht, weil wir die tollen Ideen gar nicht (mehr) herstellen können…?

Wissensgesellschaft bedeutet für mich, dass man nicht nur mit der Idee eine Volkswirtschaft laufend weiter entwickelt, sondern auch, dass man zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Innovationen und der Produktionsprozess weitestgehend standardisiert wurden, diese in die anderen Länder bringt. Ist ja schön, dass bspw. in Deutschland das mp3-Format, das Faxgerät oder der Kopierer erfunden wurde. Gebracht hat es Deutschland nichts.

Zusammengefasst:

Wissensgesellschaft ist extrem wichtig, aber auch Tüftler, Forscher und Erfinder, die auch Sachen nicht nur auf Papier bringen, sondern auch machen bzw. herstellen können.

Die Herstellung von Neuem ist aus meiner Sicht Teil der Innovation.

Der Produktionsprozess verlangt in dieser frühen Produktlebenszyklus-Phase ein extrem anspruchsvolles Fertigungs-KnowHow und Wissen, bevor es standardisiert, informelles Wissen kodifiziert, weitergegeben und abwandern kann. Die Herstellung von Neuem hat sehr viel mit Tacitknowledge, also informellem Wissen, zu tun, welches nicht einfach niedergeschrieben, übertragen und von Dritten verstanden werden kann. Am Besten kann eine Innovation von demjenigen umgesetzt werden, der sie erfunden hat, weil er sich oft jahrelang damit auseinandergesetzt hat, diese in ihm gereift ist und er am Besten weiß, wie seine Innovation funktionieren und aussehen soll.

Deshalb gehört dies für mich auch zur Wissensgesellschaft. Die Wissensgesellschaft ist für mich somit nicht nur virtuell, Service und Dienstleistung, sondern hält auch Einzug in die Phase der Produktion, wo spezifisches Wissen noch sehr wichtig ist. Produktion von Neuem bedeutet Neues in der Produktion, d.h. Produktionswissen wird zu einem entscheidenden Faktor.

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Zwei Themen sollen aber noch angerissen werden:

  • Insbesondere vor dem Hintergrund des Carbon-Footprint stellt sich natürlich schon die Frage – auch bei standardisierter Produktion, ob jede Rolle Toilettenpapier etc. eine weite Reise machen sollte…
  • Des weiteren vollzieht sich gerade ein gesellschaftlicher Wandel und wir befinden uns auch wieder auf dem Weg zu einer Gesellschaft von „Machern
  • Do it Yourself (DIY) erfährt eine neuen Boom. “Making is the new sex”:

Zum einen wird Handarbeit etc. wieder „cool“.:
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Zum anderen wird das Thema 3D-Druck perspektivisch nicht mehr aus den Haushalten weg zu denken sein und ganze Branchen vernichten bzw. verändern.
“Today’s Maker-Movement is the new industrial Revolution”

“Big Data”-Hype und wenn die härtesten Daten weich werden

Aktuell wird mit “Big Data” die nächste Kuh der Errungenschaft des technischen Fortschritts durchs Dorf getrieben (zum Thema “Messung im eCommerce” habe ich ja vor kurzem schon einmal etwas mit Berührungspunkten zu “Big-Data” geschrieben). Aufgrund der derzeitigen bereits gigantischen Möglichkeiten zur Datensammlung wird an Daten gesammelt und gespeichert, was das Zeug hält und gesammelt werden kann. Grundkonstrukt und theoretische Grundlage ist eine eine fortwährende Extremisierung des technokratischen Managements/Denkens, geprägt durch unser wissenschaftlich – technisches Zeitalter. Alles – also nicht nur Maschinen, sondern auch Menschen, Tiere und Natur – ist nach Bauplänen genau festgelegt und kann entsprechend mit „Reglern“ geplant, gesteuert und vorhergesagt werden. Mensch, Natur und Tiere verändern sich jedoch fortwährend in einem evolutorischen Prozess – aus Babys werden Erwachsene – ganz ohne mechanische Einwirkung und Umbau von Bauplänen. Der Hagen Fisbeck von jetzt ist im nächsten Moment (durch Autopoiesis, extere Einflüsse, Meme, etc.) ein anderer Hagen Fisbeck. Keine Technik der Welt wird diese fortwährende Veränderung vorhersagen können. Selbst nicht in der Kriminalistik zum Erkennen und der Vorhersage von Täter-Profilen. Ebenso wird auch die Wettervorhersage wird immer weiter, trotz immenser Forschungs- und Technologie-Investitionen, im dunkeln tappen. Immer dann, wenn man es mit komplexen-Systemen – also Nicht-Trivialen-Maschinen im Sinne von Heinz von Förster – zu tun hat, ist eine Vorhersage von Verhalten, nicht möglich – selbst nicht, wenn man in Daten erstickt. Hier kommt es ja zudem noch zu einem weiteren Problem. Je mehr man weiss, desto mehr weiss man eigentlich nicht, da man sich in die Tiefe verrennt und das Ganze aus dem Blick verliert.

Hier mal ein paar Punkte, warum ich glaube, dass der Big-Data-Hype – der sicherlich aufgrund der vorherrschenden technokratischen Denke und Technologie-Begeisterung kommen wird – überbewertet wird:

  • Es handelt sich um Vergangenheits-Daten (die Zukunft hat ja noch nicht stattgefunden) und eine Prognose ist nicht möglich, da komplexe Systeme analytisch nicht erklärbar sind.
  • Die zugrundeliegenden mathematischen Modelle sind subjektiv, da diese von Menschen stammen. Jedes Modell schneidet aus der Welt des „Ganzen“ das heraus, was subjektiv als relevant erachtet wird.
  • Ebenso wie das Modell ist auch die dahinterliegende Messung der Daten in dem Modell subjektiv. Auch hier wird subjektiv entschieden, was gemessen, wird und was nicht und zudem ist die Messung davon abhängig was zum status Quo gemessen werden kann, und  was nicht.
  • Jeden Tag werden neue „Wahrheiten“ erfunden, da Modelle und die Zusammensetzung der Daten laufend weiterentwickelt werden. Fast jeden tag sind andere/neue Kriterien relevant und das, was man bisher getan und gemessen hat ist veraltet. Also ist das, was man heute messen kann quasi auch schon wieder veraltet, da es morgen ja schon wieder durch etwas Neues ersetzt werden wird/kann.
  • Hat man alle Daten beisammen, dann kommt die nächste „Subjektivität“ ins Spiel – entweder bei der Interpretation der Daten durch den Menschen bzw. bei computergestützter automatischer Interpretation/Entscheidung wiederum das dahinter liegende (subjektive) mathematische (Entscheidungs-) Modell
  • Es herrscht noch immer der oben beschriebene Glaube an die Steuerung des Menschen als triviale Maschine vor.
  • Die Hoffnung zur lückenlosen Datenerfassung – viel hilft viel…
  • Immer stärkere Spezialisierung und Zerteilung der Welt in immer kleinere Stücke – bis zu Partikeln und Teilchen
  • Durch diese immer spitzere Spezialisierung verliert man das Ganze aus dem Blick
  • Die Zukunft bleibt dennoch unvorhersagbar – sie hat noch nicht stattgefunden und ist offen, also liegen auch noch keine Daten vor. Sicher ist nur, dass sie anders sein wird als die Gegenwart
  • Es ist wie mit der Wettervorhersage oder den Börsenkursen. Hier werden Milliarden in Datensammlung, Analyse und Prognose investiert. Dennoch ist die Entscheidung so gut (oder schlechter), wie von Affen und das blinde Vertrauen auf Daten führt uns von Finanzkrise zu Finanzkrise.
  • Künstliche Intelligenz kann nie an die aus der Natur entstehenden Intelligenzen herankommen, bzw. mit dieser vergleichbar sein.

Sicher gibt es Bereiche, wo mathematische Modelle und Daten von Vorteil sein können – insbesondere je trivialer das System ist, mit dem ich mich beschäftige. Daher möchte ich das Thema auch gar nicht verteufeln, sondern nur dafür sensibilisieren, dass man den Daten nicht einfach blind vertraut. Aus meiner Sicht sollte man die Big-Data-Entwicklung immer aus einem gewissen Abstand beobachten und einfach entsprechend die für einen als nützlich erachteten Dinge aus dem Thema herausziehen.

 

Plädoyer zur Aufhebung der Trennung zwischen Online- und Offline

Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt in ein Wespennest steche, aber ich sehe in der künstliche Trennung von Online und Offline künftig eine immer stärker werdende Augenwischerei. Diese Trennung hat m.E. längst aufgehört.
Man kann nicht mehr wirklich sagen, welcher Umsatz online oder offline getätigt wird und was der Anstoß bzw. die Anstöße waren (wenn man das überhaupt mal sauber trennen konnte…).
Man kann vielleicht höchstens noch sagen, über welchen “Kanal” die Transaktion letztendlich abgewickelt wurde. Aber auch dies wird man auch nie sauber festhalten können. Alles nur Augenwischerei vor dem Hintergrund willkürlich festgelegter Definitionen.
Spätestens seitdem der stationäre PC quasi ausgedient hat und man für Bestellungen nicht mehr örtlich gebunden ist, verschwimmt auch die Umsatz-Zuordnung. Ist ein Umsatz über einen QR-Code an einer Plakatwand, wo die Bestellung über das Internet geschickt wird (bspw. via der Paypal QR-Shopping-App oder Shopgate) online- oder offline, Mobile oder nicht mobile etc.?
Durch die ubiquitär verfügbaren, nie weiter als einen Meter von einem entfernt liegenden und im höchsten Maße persönlichen SmartPhones als Bindeglied zwischen der Online- und Offline-Welt – also zwischen digitaler und physischer Welt – ist das Internet persönlich und immer dabei.
Letztendlich zählt daher künftig aus meiner Sicht nur noch die Kennzahl “Commerce” – ohne Vorzeichen e-,m-,x- bzw. Online/Offline. Dies wird dem einen oder anderen Statistiker sicher ein Dorn im Auge sein, der ja so gerne (künstlich) trennen möchte, um irgendwelche möglichen subjektiven “Wahrheiten” von sich zu geben. Aber wo fange ich bei der Trennung an den Kanal zu zählen, d.h. wann ist ein Kanal ein Kanal – nur bei der Transaktion? Und was ist eigentlich “der” Kanal…
Ist ein 3D-Druck von Spielzeug Online-Umsatz? Ist der Umsatz des Gewinners der Techcrunch Disrupt SF 2012 (YourMechanic) online oder offline, etc.?
Aus meiner Sicht liegt die Zukunft des Internets offline (in sehr vielen Bereichen), d.h. wie kann ich als Nutzer das Internet dazu verwenden, mein reales bzw. physisches Leben einfacher oder besser zu machen und wie nehme ich als Anbieter die jeweils anderen “Kanäle” auf dem (gemeinsamen) Weg mit bzw. wie verschmelze ich diese für eine größtmögliche Vereinfachung und Nutzen für den Kunden.
Das noch immer häufig vorkommende Gegeneinander wird zu einer Einheit werden (müssen). Mit ganz neuen Konzepten und Geschäftsmodellen dahinter. Gerade auch vor dem Hintergrund der aufkommenden “Maker” bzw. DIY-Entwicklung, welche die nächsten Jahre/Jahrzehnte bestimmen wird. Online-Plattformen, Apps, etc. werden zu Helfern, das physische Leben und auch das Einkaufen besser zu organisieren und einfacher zu machen. Eine künstliche Trennung der Welten hilft uns daher nicht mehr weiter. Auch statistisch nicht…

Meine Probleme mit unserem Bildungssystem

Jeder Mensch ist anders, d.h. denkt anders, hat andere Talente und geht anders an Dinge heran.
Unser Schul- und Bildungssystem versucht noch immer diesen Individualismus zu beseitigen und fertige Lösungen und Lösungswege zu standardisieren und “einzutrichtern”.
Die Kinder werden in eine genau vorgeschriebene Richtung und nach bis ins Detail ausgearbeiteten Lehrplänen, die für alle gleich sind und wo die Lösungswege und Inhalte genau vorgeschrieben sind, zu Einheits-Menschen entwickelt, was dann im Einheits- (alle sind gleich) Abitur seinen Höhepunkt findet.
Alleine das Wort Lehrpläne hört sich schon fast an, wie Baupläne. So wie die “triviale Maschine” bei Heinz von Förster, wo alles genau vorgeschrieben zu funktionieren hat.
Bei einem Auto macht dies sicher Sinn, aber nicht bei einem Menschen und nicht für jemanden, der neue Autos (oder die Nachfolge-Transportmittel) erfinden soll.
Der muß anders und neu denken, neue Wege gehen und vorgegebene Pfade verlassen. Nur so gibt es wirtschaftliche Entwicklung. Die Herausbildung dieser Fähigkeiten muß im Mittelpunkt der Bildung stehen, wenn wir uns weiterentwickeln und nicht beim SatusQuo und in Routine enden wollen – was letztendlich in Armut endet.
Zur Herausbildung von Managern und Verwaltern mag das vielleicht ein gangbarer Weg sein, nicht aber zur Entfaltung unternehmerischer Fähigkeiten und Talente.
Wenn wir ein Land sind, welches durch Denken, Wissen und Innovation lebt, dann muss freies Denken, Kreativität und die eigenständige Erarbeitung von Wissen (mit eigenen Lösungswegen und wo es kein richtig oder falsch gibt) im Mittelpunkt stehen. Die angeborene Neugier und der Entdeckungsdrang muss gefördert, anstatt ausgetrocknet werden.
Wie soll wirtschaftliche Entwicklung und Innovation in einem Land erfolgen, wo die Menschen durch das vereinheitlichte und streng vorgeschriebene Schulsystem zu dem genauen Gegenteil erzogen werden? Einem System, wo freies Denken und Erarbeitung eigener Lösungswege verboten bzw. nicht gewollt ist bzw. nicht in die Lehr”pläne” passt? Innovation und letztendlich wirtschaftliche Entwicklung kann nur von den Menschen kommen, bei denen die Trivialisierung und die Beschneidung des freien Denkens gescheitert ist – also von Menschen, die es entgegen der derzeitigen Bildungspolitik geschafft haben, ihre Kreativität beizubehalten.

Und da jeder Mensch anders ist, muss auch die Herausbildung (und nicht Abtötung) der individuellen Stärken im Mittelpunkt stehen. Ich frage mich zudem warum bspw. durch die NC-Regelung nur Menschen zu einem bestimmten Studium zugelassen werden, bei denen die Trivialisierung am erfolgreichsten war (was anderes sagt die Abiturnote ja nicht aus) und nicht diejenigen, die das größte Talent in dem jeweiligen Bereich haben?

Gedanken zur Personalisierung nach dem Schema Wettervorhersage

Das Thema Personalisierung im Sinne von Individualisierung im Internet ist ja schon ein alter Hut – älter als der eCommerce in Deutschland.
Ich beschäftige mich selbst seit 1998 mit diesem Thema und habe mich auch zu meiner Zeit bei neckermann.de von 2000-2004 intensiv damit befasst.
Daher habe ich hier mal meine Gedanken dazu verfasst.
Die anfängliche Euphorie (die aktuell mal wieder hochschwappt – aktuell im Versandhausberater) ist bei mir jedoch im Laufe der Zeit immer mehr einer Ernüchterung gewichen, da bei mir die Erkenntnis gereift ist, dass das Thema (auch auf absehbare Zeit) weiter heiße Luft bleiben wird – möge es auch immer mal wieder erneut heiß gekocht werden.

Was wir mit all den vielen Verfahren und mathematischen Formeln und Modellen etc. zu betreiben versuchen, ist auch das, wie wir versuchen Wettervorhersagen zu machen (nur dass hier die Entwicklung schon deutlich weiter ist – aufgrund des Zeitvorsprungs, des enormen finanziellen Aufwandes und der gigantischen Wissenschaft dahinter). Dennoch muss man letztendlich auch bei der Wettervorhersage feststellen, dass sie manchmal passt – meist aber noch immer daneben liegt.
Das Problem liegt meiner Meinung nach in der Grundannahme der zugrundeliegenden mathematischen Modelle. Einerseits werden gigantische Datenmengen gesammelt (man kann wird jedoch nie alle nötigen Daten erfassen können, da es immer tief und weiter geht – Wissen erzeugt Unwissen), die Zusammenhänge zwischen den Daten werden nicht verstanden, sondern es wird immer mehr und weiter in die Tiefe spezialisiert.
Andererseits wird unterstellt, dass es sich um berechenbare Phänomene, also um triviale Systeme (Heinz von Förster) handelt und man nur genügend Daten und die richtigen (statistischen) Formeln und Modelle benötigt.
Nun haben wir es jedoch sowohl bei der Natur, als auch beim Menschen mit komplexen Systemen zu tun, die sich zudem auch noch aufgrund der Emergenz tagtäglich – ja sogar minütlich (anders als ein Tisch) – verändern (ganz banal gesagt: Wir lernen laufend dazu). Heinz von Förster hat jedoch ausführlich bewiesen, dass komplexe Systeme (also nichttriviale Systeme) analytisch (also mathematisch – aufgrund der vielen Unbekannten in den nötigen Formeln und dahinterliegenden Modellen) nicht erklärbar sind.

Da es sich also sowohl bei der Natur als auch beim Menschen um komplexe Systeme handelt, liegen wir nicht nur bei der Wettervorhersage meist daneben, sondern werden es auch weiter bei der Personalisierung in Online-Shops (und überall sonst auch) tun.
So wundervoll die Vorstellung von Shopbetreibern etc. auch sein mag, den Kunden über Personalisierung die richtigen Angebote zu unterbreiten, umso größer wird weiterhin die Ernüchterung sein.
Was noch erschwerend hinzu kommt ist die Tatsache, dass Online-Shops noch immer geschlossene autopoietische Systeme sind ohne Verbindung zu anderen Systemen. Eine strukturelle Kopplung zu anderen Systemen, die für eine bessere Datenqualität nötig wäre, ist i.d.R. nicht gegeben (trotz des banalen Versuchs, den Social Graph von Facebook mit zu verarbeiten…). Ansonsten tue ich ja so, als ob ein Mensch kein Leben ausserhalb meines Shops hat. Ich analysiere ja nur Daten meines Shops. Selbst der Online-Shop meines Vertrauens, bei dem ich mich mehrmals pro Woche aufhalte, kennt ja nur einen Bruchteil meines Verhaltens und auch nur das, welches ich bei ihm speziell zeige. Ich lebe und kaufe ja noch woanders. Eine Personalisierung auf dieser Basis muss ja zwangsläufig in die Hose gehen. Selbst ein amazon, die ja Personalisierung im Sinne einer Kunden kauften auch und Bestellhistorien-Analyse mittlerweile seit über 15 Jahren betreiben und hier ja sicher viel gelernt und einen Zeit-, Daten- und Know-How-Vorsprung gegenüber anderen Shops haben, liegt bei mir noch immer kräftig daneben. Obwohl ich ebenfalls seit über 15 Jahren sehr viel und unterschiedliches dort kaufe. Mein Leben ausserhalb eines Shops bleibt den Shop-Betreibern ja verborgen. Bei der Personalisierng möchte man ja nichts anderes tun, als auf Basis von bruchstückhaften Vergangenheitsdaten die Zukunft (meines Kaufverhaltens) vorherzusagen. Die Hintergründe, weshalb ich gerade jetzt den Online-Shop aufsuche und was ich will, kann man jedoch nie vorhersagen. Vielleicht habe ich ja auf dem Bahnhof jemanden mit tollen Schuhen gesehen, die ich jetzt auch haben will. Kein Shop kann mir da mit Personalisierungstechnologien helfen, höchstens bei der Auswahl der richtigen Bestellgröße. Wir werden tagtäglich in unserem Kaufverhalten durch äußere Einflüsse so sehr beeinflusst. Kein Shop der Welt wird mir trotz noch soviel Datensammlung jemals automatisch die richtigen Produkte für meinen künftigen kauf zeigen können.

Eine perfekte Personalisierung ist und bleibt daher aus meiner Sicht unmöglich, da es sich ja bei jedem einzelnen Menschen/Kunden etc. um ein komplexes, sich fortwährend änderndes und nicht vorhersagbares System handelt, jeder Mensch aufgrund seiner Strukturdeterminiertheit anders ist als ein anderer und somit das Lernen aus dem Verhalten eines anderen Individuum nicht gerade erleichtert wird.

Was können wir dennoch machen?
Sicherlich gibt es Möglichkeiten Personalisierung so einzusetzen, dass es besser sein könnte, als gar keine zu haben. Die Frage ist nur, wozu, an welcher Stelle und für wen. Dazu muss man das komplexe System mittels Dialog in die Personalisierung mit einbeziehen, um die Zahl der Unbekannten zu verringern (z.B. beim Fragen nach einem bestimmten Ziel und was einem wichtig ist). Beim Menschen ist dies zum Glück einfacher möglich, als beim Wetter ;-) Von der sprachlichen Barriere mal abgesehen, da ja jeder Mensch Fragen anders interpretiert. Fragt man bspw. ob er beim Joggen Anfänger ist, so entsteht selbst schon bei einer so banalen Frage die Unsicherheit, was unter “Anfänger” und was unter “Joggen” zu verstehen ist, da dies jeder für sich anders intpretiert. Mal davon abgesehen, dass bspw. beim Verkaufen des richtigen Laufschuhs noch so viele spezifische Elemente, wie bspw. Anatomie der Gelenke, Größe, Gewicht, Fußform, Laufstil, Beschaffenheit des Bodens der geplanten Laufstrecke usw. für die personalisierte optimale Schuhempfehlung mit berücksichtigt werden müssten.

Aus meiner Sicht sind für eine einigermaßen taugliche Personalisierung in Online-Shops mindestens folgende 3 Punkte zu erfüllen:

1. Es ist explizite und implizite Personalisierung zu mischen, d.h. der Kunde muss explizit mit einbezogen werden, bspw. durch Fragen (z.B. ob man Fitness lieber drinnen oder draußen macht, alleine oder in einer Gruppe,…) und dann aufgrund des Verhaltens anderer User mit den gleichen Angaben (sofern man hoffentlich eine statistisch aussagekräftige Anzahl zur Verfügung hat) implizit berechnete Empfehlungen ausspuckt.

2. Eine sehr hohe Datenqualität (Attributisierung) der Produkte ist absolut notwendig und wird nicht durch Personalisierung ersetzt. Ein Produkt sollte bspw. wissen, wofür und für wen es geeignet ist (eine Grundladung, um das “Kaltstart-Problem” einigermaßen im Griff zu haben, welches dann durch Algorithmen verstärkt, oder abgeschwächt wird).

3. Strukturelle Kopplung, also die Interaktion zwischen unterschiedlichen autopoietischen Systemen. Sei es zwischen den einzelnen Online-Shops untereinander und/oder weiteren Informationsquellen, wie Wikipedia, Content- und Beratungsseiten, usw. im Internet).

Wie jedoch gesagt. Selbst wenn man obiges mit Bravour erfüllt, so sollte man dennoch keine Wunder erwarten. Ein komplexes System bleibt ein komplexes (nicht-triviales) und somit analytisch nicht erklär- und vorhersehbares System.

Die Entwicklung eines evolutionsökonomischen E-Commerce-Ansatzes

Die nachfolgenden Überlegungen dienen der Entwicklung eines evolutionsökonomischen E-Commerce-Ansatzes, welchen ich fortwährend weiterentwickeln möchte.

Im Prinzip unterliegt alles einem stetigen Wandel, Weiterentwicklung und schöpferischer Zerstörung (Schumpeter).

In langen Wellen gedacht sind dies die Kondratieff-Zyklen, aber auch in kürzeren Zyklen verändert sich alles fortwährend – manche Dinge schneller, andere etwas langsamer.

Warum sind nun manche Unternehmen besser auf Veränderungen vorbereitet, als andere? Warum geht es vielen Unternehmen zunächst gut, revolutionieren sogar Märkte bzw. schaffen Neue, erzielen hohe Gewinne und stehen dann im Laufe der Zeit dennoch vor existenziellen Problemen oder ganz vor dem Aus?

Zur Erklärung dieser Zusammenhänge möchte ich zunächst auf die Unterschiedlichen Unternehmertypen nach Jochen Röpke eingehen:

http___wwwmafexde_publikationen_dokumente_mafex_rj_kh_gruendungsdynamik_japanpdf

Wie durch diese Klassifizierung deutlich wird, gibt es große konzeptionelle Unterschiede zwischen den Sichtweisen, was ein Unternehmer ist. Je nachdem, welchem Theoriegerüst man folgt.

Etwas bildlicher werden die unterschiedlichen Sichtweisen, wenn man die Unternehmertypen in das Lebenszyklusmodell einordnet.

lebenszyklus

Da ich in diesem Beitrag insbesondere auf den Versandhandel im Allgemeinen und E-Commerce im Speziellen eingehen möchte, lässt sich dieser Lauf auch sehr gut am Beispiel von Quelle beschreiben.

Insbesondere durch Quelle wurde vor rund 60 Jahren ein neuer Markt geschaffen und von Quelle geprägt – der Versandhandelsmarkt. Das Produktangebot wurde in einem Katalog präsentiert und Bestellungen wurden zunächst schriftlich, dann per Telefon und Fax entgegengenommen.

Das Unternehmen befand sich zunächst in der Einführungsphase und Effektivität (die richtigen Dinge tun) war noch wichtiger als Effizienz (die Dinge richtig tun). Die Gründer – Familie Schickedanz – war hier Unternehmer im Sinne Schumpeters, indem sie erfolgreich Neues im Markt durchgesetzt hatten.

Der neue Markt war da, wurde insbesondere durch Quelle geschaffen, geprägt und gestaltet. Insbesondere auch Quelle zeigte, wie dieser neue Markt auszusehen habe und man war sehr viele Jahre sehr erfolgreich.

Im laufe der Zeit wurde das Geschäftsmodell dann immer weiter verfeinert und verbessert – Prozessinnovationen wurden durchgeführt, begleitende Service- und Dienstleistungen eingeführt und immer weiter Effizienzverbesserungen und Optimierungen (Reduktion der Beschaffungskosten, Optimierungen des Katalogauftritts, der Seitenstrecken und der Anstoßketten etc.) vorgenommen. Unternehmenslenker wurden Manager, die es verstanden das Unternehmen bzw. das Kataloggeschäftsmodell kosteneffizient aufzustellen und immer weiter zu optimieren und zu reproduzieren – im klassischen Management-Sinne zu „verwalten“. Auch Dealmaking (Hin- und Herschieben von Eigentumsanteilen und ständiges Restrukturieren) stand hoch im Kurs. Dies war die Zeit der Routine- und Arbitrage-Unternehmer, die das noch heute vorherrschend an Universitäten, MBA- und Business-Schools gelehrte Neoklassische Modell der Gleichgewichtstheorie anzuwenden verstanden.

Ende der 90er Jahre kam das Internet auf und (wie bei den anderen großen Katalogversendern auch) wurde recht früh im Jahr 1996 eine Internetpräsenz geschaffen, weil es jeder so machte. Was man alles genau damit anfangen könnte und wie sich dieser Markt entwickeln bzw. gestalten lassen könnte, wurde nicht erkannt und auch die Visionskraft fehlte, dieses neue Medium und diesen neu entstehenden Markt proaktiv anzugehen und zu gestalten. Das Internet wurde in dieser Zeit als weiterer Kanal (neben Bestellformular, Telefon und Fax) verstanden, um den Kunden einfach (nur) einen weiteren Zugang zum aufgeben ihrer Bestellungen zu bieten.

Dass sich durch das Internet ein ganz neuer Markt ergeben könnte, der das Potential hat, den klassischen Katalog schöpferisch zu zerstören (Schumpeter) und den man proaktiv selbst als innovativer Unternehmer hätte formen können/müssen – so, wie man es damals mit dem Printkatalog erfolgreich getan hatte – wurde nicht gesehen. Der Fokus lag weiter auf Aufrechterhaltung und Optimierung des Regelbetriebs (die falschen Dinge richtig machen). Untermauert wurde diese Sicht des Internets als weiteres Bestellmedium auch dadurch, dass der Kataloganstoß bis zum Schluss die Haupt-Traffic-Quelle für den Online-Shop war – Katalog raus, Visits hoch (auch über die Suchmaschinen).

Insofern setzte man beim Medium Internet auf eine möglichst effiziente (Standard-) Bestell-Entgegennahme-Technologie in der alle Funktionalitäten vorhanden sind, die sich im Laufe der Zeit aus der Fülle von Funktionalitäten durchgesetzt haben und somit über einen gewissen Reife- und Akzeptanzgrad beim User und somit auch Effizienzgrad verfügen.

Standardsoftware

Vorreiter-Unternehmen (wie amazon) erfinden und probieren Neues aus, von denen sich im Laufe der Jahre durch den natürlichen Selektionsprozess einiges am Markt etabliert, auf breite Akzeptanz stößt, einen gewissen Reifegrad erreicht und hierdurch zum „Standard“ wird. Ein Großteil dieser etablierten Neuerungen wird dann in Standardsoftware aufgenommen.

Dass man durch den Einsatz von Standard-Shop-Technologien (per Definition) jedoch nie in der Lage sein kann, einen eigenen (e)USP zu erreichen bzw. den E-Commerce-Markt zu prägen und proaktiv mit zu gestalten, stellt aus dem Verständnis „Internet als weiteres (möglichst effizientes) Bestellmedium“ heraus, auch gar kein Problem dar.

Erst in den letzten Jahren wurde dann erkannt, dass das Internet ein eigener neuer Wachstumsmarkt werden kann/muss. Um den Anschluss nicht zu verpassen wurde das Internet dann als neues Leitmedium definiert und die Parole ausgerufen, dass man die Vorreiter in diesem Markt (insbes. Amazon) einholen bzw. sogar überholen werde. Ausgebremst wurde dieses Vorhaben jedoch am Festhalten an effizienten aber (dadurch) nicht flexiblen Strukturen und nicht Effektivem (die richtigen Dinge machen) sowie den Ängsten und Blockaden der alten Strukturen und Mitarbeiter (die Experten auf ihrem Gebiet sind), nicht mehr benötigt zu werden sowie der Erkenntnis, dass man ein bestehendes Geschäftsmodell nicht einfach abschalten und durch ein neues ersetzen kann.

Hinzu kam auch eine gewisse Visionslosigkeit – es sollte der Stand eines amazons „kopiert“ werden, um zunächst auf „gleichem Level“ „mithalten“ zu können. Mit dieser Strategie wäre man jedoch (von der Abhängigkeit vom Standard-Shop mal abgesehen) auch nur weiter passiver Marktfolger anstatt Marktgestalter gewesen und den Wegbereitern hinterhergelaufen. Im Prinzip hätte man Amazon um einen Level überspringen müssen, um selbst die Vorreiterrolle einnehmen zu können/müssen.

Für einen sanften Übergang aus der Katalog-Ära in die aktiv gestaltende E-Commerce-Ära war es zu spät, für einen größeren Evolutionssprung sowieso. Die schöpferische Zerstörung konnte man nicht mehr selbst in die Hand nehmen, sondern diese wurde bereits durch den Markt besiegelt. Das rechtzeitige Einsetzen von unternehmerischem Handeln anstatt weiterem „Management“ kam zu spät. Die richtigen Dinge tun (Effektivität) hätte wieder Vorrang vor Effizienz bekommen müssen – ein nicht effizient hergestellter Computer wird eine effizient hergestellte Schreibmaschine immer vom Markt verdrängen. Hierfür wäre evolutorisches Unternehmertum anstatt Management und Dealmaking von Nöten gewesen, d.h. der ständige Fähigkeitsaufbau jenseits der Fachkompetenz.

Es wird in nächster Zeit zudem spannend sein zu beobachten, wie es die beiden andern großen (alten) Versender schaffen, sich von alten Strukturen zu lösen und sich im E-Commerce etablieren, denn sowohl Otto (Intershop) als auch neuerdings Neckermann (jetzt Demandware/Intershop – vorher Marktgestalter durch dmc) verfolgen derzeit gemeinsam eine Markt-Follower- bzw. Markt-Anpasser-Strategie und unterwerfen sich mit ihrem Kerngeschäft aktuell passiv den durch andere Unternehmen vorgegebenen Marktveränderungen und Marktdefinitionen.

Was bedeutet diese nun für eine evolutorische E-Commerce-Strategie? Hierzu habe ich aus meiner Sicht und Denke heraus einen evolutorischem E-Commerce-Ansatz entwickelt.

Der evolutionsökonomische E-Commerce-Ansatz ist Teil einer evolutionsorientierten unternehmerischen Gesamtstrategie, denn auch der E-Commerce unterliegt einem Wandel, der irgendwann in etwas anderes, Neues übergehen wird.

Bis dahin wird jedoch noch viel Zeit vergehen, da der E-Commerce aufgrund der vielen auf Sicht anhaltenden Veränderungen (technologisch, funktional, Userseitig, etc.) noch tief in der Entwicklungsphase steckt – auch wenn einige Teilbereiche des E-Commerce in ihrem Lebenszyklus schon in der Reife- bzw. Degenerationsphase stecken (z.B. SEO).

evolutionsorientiertes-ecommerce

Ein evolutionsorientierter E-Commerce-Ansatz versteht es, sich frühzeitig auf die Veränderungen im E-Commerce-Markt einzustellen und sich auf diesen Wandel rechtzeitig vorzubereiten. Möchte man E-Commerce proaktiv und mit eigenem eUSP (E-Commerce-USP) betreiben und nicht lediglich als weiteren effizienten Vertriebsweg verstehen, dann ist die Grundvoraussetzung, alle auf den Markt und zum User hin ausgerichtete Strukturen möglichst flexibel zu halten, um einerseits schnell auf mögliche Veränderungen reagieren zu können und andererseits auch die Möglichkeit zu haben, selbst in diesem Markt Akzente zu setzen, um diesen proaktiv mit zu gestalten und sich nicht als passiver Anpasser verhalten zu müssen. Starke Marken führen den User.

Flexibilitätsgrad

Auch im E-Commerce-Lebenszyklus gibt es wiederum kleinere „Zyklen“ von sich verändernden Dingen (z.B. Funktionalitäten oder Online-Marketing usw.).

Viele Unternehmen bauen hier entsprechende Strukturen auf von Dingen, die sich etabliert haben. Diese werden dann immer weiter von den eigens dafür eingestellten Experten optimiert werden. Vom Online-Shop- oder OnSite-Kampagnen-Manager, über den SEO oder SEM-Experten bis hin zum Newsletter-Experten usw. (wie seinerzeit die Katalog- und Anstoßketten-Experten bei Quelle…). Alle Strukturen werden im Laufe der Zeit weiter auf Effizienz getrimmt. Im Sinne des evolutorischen E-Commerce-Ansatzes unterliegen aber auch diese für das Unternehmen mittlerweile wichtig gewordenen Wachstumsfelder einem Wandel. Oftmals hängen aber die Unternehmen und die Mitarbeiter im Aufrechterhalten des Tagesgeschäftes fest – sie konzentrieren sich auf diese aktuell wichtigen Bereiche. Es gibt keine freien Ressourcen (sowohl Zeit als auch Mitarbeiter), um Neues auszuprobieren und sich auf den nächsten Wandeln nach dem Wachstum vorzubereiten.

Was passiert aber mit dem SEO-Experten mit Aufkommen von Social- und Semantic-Search? Ist er in der Lage (Fähigkeitspotential des Mitarbeiters) sich selbst einem Wandel zu unterziehen und hat er die Zeit dazu (Fähigkeitspotenzial des Unternehmens), oder wird er und seine Position „schöpferisch zerstört“? Wie bereite ich mich als Unternehmen auf die nächste Welle vor?

Die Konsolidierungen der Vielzahl von Anbietern im Online-Marketing und die schwindende Rentabilität der darauf spezialisierten Agenturen sowie die Veränderungen durch den Erfolg von Social-Media und Veränderungen bspw. bei Google sind weitere Indizien für einen Wandel in diesem Bereich. Was passiert mit den Newsletter-Experten und den vielen (noch wertvollen) E-Mail-Adressen, wenn die User nicht mehr via E-Mail, sondern Facebook oder Twitter erreichbar sind und selbst die Steuerung ihrer „Freunde“ in der Hand haben?

Das klassische Online-Marketing (SEO, SEM, Newsletter,…) hat sich bereits hin zum (neoklassischen) Gleichgewicht entwickelt – noch ist in diesen Bereichen die Zeit der Lehrbuchunternehmer der Wirtschaftswissenschaften (Routine- und Arbitrage dominieren) – Preise und Kosten zum Kunden hin sowie Effizienz beim Anbieter (Prozesse, Mitarbeiterkosten,…) sind die entscheidenden Kriterien – eine Differenzierung in dem (z.B. SEM)-Markt ist nicht mehr möglich. Anbieter, Maßnahmen und Technologien sind optimiert und austauschbar geworden, weitere Effizienzverbesserung ist kaum noch möglich – auch hier steht sicher der nächste Evolutionsschritt an. Manche Agenturen werden diesen schaffen und erfolgreich aus diesem Gleichgewicht ausbrechen und ihren nächsten Evolutionsschritt erfolgreich auf die nächste Wachstumsphase gehen, Neue Unternehmen werden kommen, andere werden auf der Strecke bleiben oder sich den übriggebliebenen und mit geringen Renditen versehenen „Restmarkt“ teilen.

Was sind nun die Schlüsselfaktoren für ein dauerhaft erfolgreiches handeln durch einen evolutorischen E-Commerce-Ansatz?

Die Grundphilosophie des evolutionsökonomischen E-Commerce-Ansatzes:

  • Verhalte Dich als evolutorischer Unternehmer und sei Dir bewusst, dass alles einem Wandel unterliegt.
  • Größtmögliche Flexibilität in den marktnahen Prozessen (zum User hin) – Effektivität vor Effizienz, um einerseits auf die sich ständig ändernden Anforderungen reagieren zu können und andererseits neue Impulse zur aktiven Marktgestaltung (als Vorreiter) und zur Markenführung (und USP) setzen zu können – Marken schaffen Märkte.
  • Anfangen und den ersten Schritt tun. Wer alles vorher wissen will, alles im Kopf durchdenkt, paralysiert (lähmt) sich! Wissen erzeugt Unwissen und Unsicherheit.
  • Die Zukunft ist offen – sie hat noch nicht stattgefunden. Keiner weiss, wie sie aussehen wird. Sicher ist nur, dass sie anders sein wird, als die Gegenwart (unentwegter Wandel). Der Markt kann noch aktiv selbst gestaltet werden.
  • Erhaltung der Anpassungsfähigkeit: Wenn alles im Detail (und effizient) geregelt ist, kann man nicht mehr auf sich ändernde Umfeldveränderungen bzw. unvorhergesehene Umstände reagieren.
  • Laotse sagt: Das, was auf dem Weg zählt, ist die Fähigkeit zum Wandel: Weich und zart ist der Mensch bei seiner Geburt, starr und knöchern, wenn er stirbt. Fein und biegsam sind die Pflanzen, wenn sie entstehen, hart und saftlos, wenn sie absterben. Starr und hart ist, was dem Tod anheimfällt, weich und zart ist, was vom Leben erfüllt ist. 
Demgemäß gilt: Wer steif und starr ist, ist ein Schüler des Todes. Wer weich und nachgiebig ist, ist ein Schüler des Lebens. Das Weiche (Wasser) besiegt das Harte (Stein).
  • Evolutionstheoretisch bedeutet dies: Erfolgsbestimmend im Selektionsprozess der Evolution ist die Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Umfeldbedingungen (Effektivität schlägt Effizienz). Eine nicht effizient hergestellte Lokomotive wird eine effizient produzierte Postkutsche immer aus dem Markt werfen.
  • “Fussball” anstatt “Schach”: Das Schachspiel hat eine sehr klare, genaue Struktur. Die Figuren (Mitarbeiter) sind Spezialisten mit eng begrenzten Bewegungsmöglichkeiten. Alles, was nicht vorgeschrieben ist, ist verboten. Schach ist ein sehr interessantes, geistig sehr anspruchsvolles Spiel, aber nur für die beiden Spieler (Unternehmen), nicht für die Figuren auf dem Schachbrett. Es ist ein Spiel für Rationalisten, Rechner und Planer. Ganz anders ist das Fussballspiel. Die Figuren (Mitarbeiter) spielen selbst. Sie sind auch Spezialisten, aber gleichzeitig sind sie auch Generalisten, d.h. sie sollen das gesamte Spiel überblicken und für die Mannschaft spielen. Von einem guten Verteidiger erwartet man, dass er auch Tore schiessen kann, und von einem Stürmer, dass er “hinten aushilft”. Die Strukturen und Prozesse sollten mehr einem Fussballspiel als einem Schachspiel gleichen.

Vier Grundregeln gilt es nach J. Röpke zu beachten:

(1) Hände weg von Dealmaking (Arbitrage).

(2) Beachte unternehmerische Funktionstiefe (Routine, Arbitrage, Innovation, Evolution).

(3) Beobachte disruptiv und/oder basisinnovativ operierende Wettbewerber (Unterfall von 2).

(4) Ständiger Fähigkeitsaufbau jenseits der Fachkompetenz, insbesondere von Vorstellungskraft (Unterfall von 2).

FTD-Serie Kreative Zerstörer der deutschen Wirtschaft

Die FTD zeigt, was sich hinter Schumpeters “schöpferischer Zerstörung” verbirgt – in einer Porträtserie über die innovativsten Unternehmer des Landes.

via
FTD.de – Unternehmer mit Profil: Kreative Zerstörer der deutschen Wirtschaft – Management.

Entwicklungslosigkeit der Konjunkturprogramme

Prof. Röpke hat einen sehr guten Beitrag über die entwicklungslose Wirkung der verabschiedeten Konjunkturprogramme geschrieben.

Er beklagt – zu Recht – die Konzentration auf (veraltete) “Schlüsselbranchen”, anstatt innovative Mikromultiplikatoren zu fördern, wird Geld in alte Industrien und Branchen gesteckt, die von der Veralterung und somit der Krise besonders betroffen sind und Management by crocodile betreiben: Warten, bis einem das Wasser am Hals steht, dann das Maul weit aufreißen. So befindet sich die Wirtschaft auf dem Weg in die Innovationsdemenz und Altersverwirrtheit. Mit einem Bruchteil der Pakete des Obamaismus und Merkelismus hätte man – richtig zugeteilt – eine enorme Entwicklungsdynamik erzeugen können. Wenn man schon Schulden macht, warum nicht für Vorhaben, die langfristige Entwicklung erzeugen und kurzfristig Krisen meistern helfen? Lediglich 15% der Konjunkturprogramme seien diesem Ziel gewidmet. Wie Schumpeter schon sagte: Investition = Innovation. Röpke zeigt sehr praktikable Wege auf, wie durch die Entwicklungslogische Brille makroökonomisch hätte gehandelt werden müssen. Die Ansätze lassen sich zudem ziemlich gut auch auf die Mikroökonomische Ebene und somit auf das Verhalten einzelner Unternehmen und deren Führung herunter brechen.

Sehr lesenswert…

Warum jetzt klassisches “Management” versagt

Wir stehen derzeit in fast allen Branchen vor einschlägigen Veränderungen.
In den letzten Jahren haben (bis einschließlich heute) weitestgehend Kennzahlen- und Controlling gesteuertes Management (und somit der Effizienz-Fokus) die Unternehmensführung dominiert – MBAs (der Verwalter steckt ja schon im Namen) und Berater wurden hochgelobt. Nicht, dass ich etwas gegen diese hätte – in den Abschnitten der Wachstumsphase des Markt- und Produkt-Lebenszyklus können diese durchaus ihre erfolgreiche Daseinsberechtigung haben.
Die eingesetzten zahlengestützten/mathematischen Führungsinstrumente funktionieren jedoch nur gut in (neoklassischen) Gleichgewichtsmärkten und somit in Routine Geschäftsmodellen (Gewinnmaximierung, Märkte in Gleichgewicht bringen, usw.).

Die Finanz- und Wirtschafts-„Krise“ ist m.E. durch diese neoklassisch geprägte Denkweisen verstärkt worden, da bisherige Modelle auf einmal nicht mehr funktionierten, die Unternehmen somit (durch die Brille dieser Kennzahlen) aus dem Ruder geraten sind und meist von Managern/Verwaltern von Routine-Geschäften geführt werden. Aufgrund ihrer mangelnden Unternehmer-Kompetenz verfielen diese in Panik, da sie vor etwas Neuem stehen, worin sie keine Erfahrung haben und das eingesetzte Set an möglichen „Management“-Modellen nicht mehr funktioniert – die Märkte bewegen sich vom Gleichgewicht weg. Und dass komplexe Systeme analytisch nicht erklärbar sind hat zuletzt diese “Krise” abermals bewiesen, da man ansonsten bei all dem, was heutzutage gemessen, analysiert und an Daten gesammelt wird, diese Situation hätte vorhersehen und verhindern können. Findige Statistiker und Mathematiker werden sicherlich in nächster Zeit neue Formeln und Modelle “erfinden”, die vor derselben Situation schützen sollen – ganz nach dem Irrglauben, dass es einen ingenieurartigen “Bauplan” für die Welt gibt und sich komplexe Systeme wie triviale Maschinen steuern lassen können – bis zur nächsten “Krise”, denn wie Heinz von Förster bewiesen hat, sind komplexe Systeme analytisch nicht erklärbar.

Nun stehen viele Unternehmen vor Veränderungen und neuen Herausforderungen – also vor etwas Neuem und da die Zukunft offen ist, vor nicht vorhersagbarem – eine Fortschreibung aus der Vergangenheit ist nicht mehr möglich.
Dies erfordert jetzt andere Qualitäten als „Management“ und „Verwaltung“ – unternehmerisches Gespür und Geschick werden der Schlüsselfaktor zur Sicherung der Unternehmenszukunft. Effektivität wird wieder wichtiger als Effizienz. Dies bedeutet somit, dass bisherige Steuerungsinstrumente per Definition nicht mehr funktionieren können, da Veränderungen konsequenterweise eine andere Steuerung nötig machen als bisher. Folglich bedeutet Veränderung, dass es für das Erreichen des Neuem kein valides Kennzahlensystem oder Modell zur Steuerung geben kann (diese Instrumente sind immer vergangenheitsorientiert), da Veränderung ja zwangsläufig immer anders ist als das, was man bisher getan hat…
Hier hilft somit kein Controlling oder zahlengetriebene Management-Modelle weiter. Die Zukunft ist ungewiss, sie hat noch nicht stattgefunden. Folglich kann man auch nicht wissen, welche Steuerungsinstrumente funktionieren werden. Es können letztlich für etwas was neu ist, keine (geprüften) Steuerungsinstrumente existieren (genauso wenig, wie es bspw. eine Standardsoftware für ein innovatives Internet-Geschäftsmodell geben kann – Innovation und Standard schließt sich per Definition aus).
Es sind in Zeiten wie diesen Unternehmer gefragt. Menschen, die sich nicht von (lediglich durch bis heute erfundenen mathematischen Modellen und somit lediglich) zufällig messbarem blenden lassen.
Menschen, die mit “Ungleichgewicht” umgehen können und versuchen Unternehmen nicht wieder in alte Zustände zurück zu führen, sondern die Unternehmen auf eine neue Ebene transferieren. Menschen, die anders und neu denken, nach den Grundsätzen des evolutorischen Management handeln und die aus Überzeugung und Leidenschaft neue Wege beschreiten wollen und Mut zur Veränderung haben – aber auch die Fähigkeit besitzen, diese durchsetzen zu können, Mitarbeiter mitreißen und begeistern und für eine Aufbruchstimmung sorgen können.

Expertenmeinungen und Innovation…

…hört sich im ersten Moment recht schlüssig und plausiebel an…

Wenn man jedoch eine neue Idee oder ein innovatives Geschäftsmodell entwickelt hat, dann ist diese in einem selbst über einen langen Entwicklungs- und Erfahrungsprozess gereift.

Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, wo man diese gerne in die Realität umsetzen möchte und man begibt sich auf die Suche nach Menschen, die diese Vision verstehen, den Enthusiasmus teilen und einem ggf. Venture-Capital zur Verfügung stellen bzw. einen auf der Suche nach diesem unterstützen.

Was man dann leider immer wieder erleben muss ist eine scheinbar ganz natürliche Reaktion, denn diejenigen, die man von der Idee begeistern möchte, haben nicht den gesamten evolutorischen Prozess und die innere Reifungsphase dieser Idee durchlaufen, wie man es selbst getan hat und können diese somit gar nicht für so selbstverständlich und erfolgsversprechend begreifen, wie man es selbst kann.

Es kommt dann meist schnell die Fragen auf, dass wenn es eine so tolle Idee ist, warum sie nicht schon jemand anderes oder die Firma XY etc. umgesetzt hat usw.

Ferner werden dann meist zudem sogenannte “Experten” konsultiert, die eine Meinung zu dieser Idee abgeben sollen.

Mit den “Experten”-Meinungen ist es dann jedoch dasselbe Problem. Auch bei diesen hat ja die Idee nicht den selben Reifungsprozess durchlaufen. Was meist übersehen wird ist, dass es ja für diese Idee, sofern sie neu ist, quasi per Definition zwangsläufig gar keine Experten geben kann – genausowenig wie eine Standard-Software etc. Denn wie soll es für neue Ideen bereits Experten geben?!

Wo wären wir, wenn man bei Innovationen immer auf den Rat von Experten, die es folglich ja nur für “alte” Ideen und Geschäftsmodelle geben kann, gehört hätte?
Neue Ideen wurden immer von sogenannten “Experten” belächelt und die Menschen mit diesen Ideen und Überzeugungen für verrückt erklärt – egal, ob es sich um Flugzeuge, Autos, Eisenbahn, Telefon usw. handelt.

Auch Marktforschung kann bei Innovationen nicht weiter helfen, denn durch das “dem-Kunden-nach-dem-Maul-reden” lassen sich ebenfalls keine Innovationen erwarten.

Hätte Henri Ford Marktforschung betrieben,
so hätte er eine schnellere Kutsche entwickelt.”

Hierduch wird man laut Jochen Röpke höchstens zum Sklaven des Konsumenten. Die Peitsche der Nachfrager hält einen auf Trab und man wird für seine Mühen abgespeist mit einem mageren Unternehmerlohn, denn der Käufer diktiert somit Angebot, Preise und Konditionen.

Alles was neu und anders ist, sieht in der Marktforschung zwangsläufig erst einmal schlecht aus.

Auch das Sammeln von neuen und weiteren Informationen hilft meist nicht weiter, denn Wissen erhöht Unsicherheit. Man bemerkt, was man alles noch nicht weiß, bekommt das starke Bedürfnis nach noch mehr Wissen, sammelt weitere Informationen, merkt noch mehr, dass man eigentlich fast überhaupt nichts weiß, usw… Das wahrgenommene Risiko nimmt also mit mehr Informationen und Wissen zu, anstatt ab. Wie es Thomas Bubendorfer ausdrückte, kommt der Bergsteiger, der versucht alle Risiken abzuwägen und sich gegen alles abzusichern nie aus seinem Basislager heraus.

Infolgedessen muss man jemanden als Unterstützer bzw. Business-Angel für seine Idee finden, der diese Zusammenhänge versteht, sich nicht auf Meinungen Dritter verlässt und daher eher die persönliche Geschichte des Unternehmers, seine Motivation und seine Leidenschaft in den Vordergrund seiner Beurteilung stellt, da dies die wichtigste Voraussetzung für einen möglichen Markterfolg darstellt.

Ziel vs. Prozess-Motivation

Thomas Bubendorfer bringt es durch einen Vergleich zum Klettern sehr gut auf den Punkt, dass Zielvorgaben (einen bestimmten Berg erklimmen) nicht so sehr motivieren und leistungsfähig macht, als wenn einem der Prozess (das Klettern) Spaß macht. Motivation durch Ziele hat zudem den Nachteil, dass man dadurch nie glücklich wird, da nach dem Ziel immer neue Ziele auftauchen. Unser ganzes Leben wird zu einer reinen Frustration, da man ja niemals mit dem Erreichten zufrieden sein darf (ist man auf dem Berg angekommen, muss ja das nächste Ziel sein, wieder herabzusteigen usw.).

Alan Watts verglich dies auch mit unserem ganzen Leben und bspw. dem Schulsystem. Nach dem Kindergarten kommt die Grundschule, dann die 1. Klasse, die 2. usw. Abitur, Studium, Berufseinstieg usw… Man läuft ständig irgendwelchen Zielen hinterher. Dabei ist das Leben eher wie Musik oder Tanzen – dort gilt es ja auch nicht darum, an irgendeinem Ort anzukommen. Worum es beim Tanzen geht ist der Tanz oder bei der Musik die Musik an sich und nicht der Schluss des Liedes. Demgemäß geht es beim Klettern um das Klettern an sich und nicht darum, irgendwelche Gipfel zu erklimmen. Schafft man einen Gipfel nicht, so frustriert dies nur und der Druck, das Ziel bzw. den Gipfel zu erreichen wird so hoch, dass man dieses nicht mit der gleichen Leistungsfähigkeit angehen kann, als wenn einem das Klettern Spass macht… Macht einem das Klettern Spaß, dann ist dies auch der Antrieb für das damit verbundene Training usw…

Ein schöner Vergleich, der auch für die Wirtschaft, die Arbeit und das gesamte Leben gilt. Leben im Hier und jetzt und das genießen, was man gerade tut…

Es geht also vielmehr um das Wollen und die Leidenschaft für das Tun, nicht um das Müssen! Wenn man etwas will, dann ist man leistungsfähiger, als wenn man muss!

Dies gilt naturgemäß somit meiner Ansicht nach auch für die Mitarbeiter, aber auch für bspw. Dienstleister. Man sollte diese als Führungskraft oder Auftraggeber immer dazu bewegen, etwas aus eigenem Antrieb zu Wollen und nicht durch Druck o.ä. versuchen, diese zu etwas zwingen zu wollen (wer kennt nicht manche Leute, die sagen, dass Dienstleister unter Druck gesetzt oder “getreten” werden sollten…), da man dann ein schlechteres Ergebnis bekommt, als wenn die Menschen Spass an ihrer Aufgabe hatten und diese eben gewollt hatten!

Unsere Stück-für-Stück-Betrachtung

Wir fragen ständig nach einem Zweck, nach einer Absicht in unseren Interaktionen und in unseren Beziehungen. Diese Frage wird deutlich in folgenden Redewendungen, die wir menschliche Wesen der westlichen Welt gebrauchen, wenn wir einander begegnen: „Was wollen Sie? – Was kann ich für Sie tun? – Was machen Sie hier?“ Oder in den Rechtfertigungen, die wir anbieten für unsere Handlungen: „Ich wünsche, dass Du das tust, denn… Es ist gut, das zu tun, denn…“. Wie leben unser Leben gewöhnlich nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft, ausgerichtet auf das, was wir haben wollen, oder in der Vergangenheit, gebunden an das, was wir verloren haben. Das führt dazu, dass wir nur unerfülltes Verlangen und Erwarten oder untröstliche Klage und Enttäuschung sind[1].

Unser lineares Kausaldenken ist durch unsere partriarchalische Kultur geprägt und durch das mehrhundertjährige wissenschaftlich-technische Zeitalter, das im 17.Jhd. begann und uns eben eine bestimmte Art von Wissenschaft und Technik brachte, die wir fälschlicherweise für die einzig mögliche halten[2] und nach der wir auch noch heute unsere Kinder erziehen, denn das Ziel unseres Erziehungssystems (Trivialisierungsanstalten[3]) besteht darin, die Kinder zu trivialisieren, also berechenbare Staatsbürger zu erzeugen und somit jene ärgerlichen inneren Zustände auszuschalten, die Unberechenbarkeit und Kreativität ermöglichen[4]. Der Schüler kommt zur Schule als eine unvorhersagbare „nicht-triviale Maschine“. Wir wissen nicht, welche Antwort er auf eine Frage geben wird. Will er jedoch in diesem System Erfolg haben, dann müssen die Antworten, die er auf unsere Fragen gibt, bekannt sein. Diese Antworten sind die „richtigen“ Antworten[5]. In unserer Methode des Prüfens werden nur Fragen zugelassen, auf die die Antwort bereits bekannt sind, und die folglich von dem Schüler auswendiggelernt werden müssen[6]. Es gibt aber nicht eine richtige Antwort, sondern eine Vielzahl von Lösungen. Heinz von Förster nennt diese Fragen, deren Antwort bekannt ist, „illegitime Fragen“ und stellt die Frage, ob es nicht faszinierend wäre, ein Bildungssystem aufzubauen, das von seinen Schülern verlangt, Antworten auf „legitime Fragen“ zu geben, d.h. auf Fragen, deren Antworten unbekannt sind?[7] Die übliche Vorstellung von einem Lehrer ist, dass er alles weiss – und die Schüler nichts wissen. Lernen wäre demnach die schrittweise Beseitigung von Unwissen[8]. Man überführt einen schlechten Zustand in einen besseren.

In dieser Denke des „Wissenstransfer“ läuft von den Bildern her so ziemlich alles schief, was schief laufen kann, vom “Wissen”, das “weitergegeben” wird, bis hin zum “Wissen”, das wie Futtermittel “eingelagert” wird. Hier geistert scheinbar immer noch die Idee vom “Nürnberger Trichter” herum: Du bohrst ein Loch in den Kopf, nimmst einen Trichter, schüttest die gesamten Buchstaben und Gleichungen hinein und hoffst, dass sich diese Buchstaben und Gleichungen in den erforderlichen Abfolgen anordnen und in den passenden Schubladen zum abrufen eingelagert werden[9]. Wissen lässt sich jedoch nicht vermitteln[10], sondern ist erfahrungsbasiert und wird von einem Menschen selbst generiert[11] . Dies ist auch das Problem der Technologie-Transferzentren.

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Das trügerische Heil der Lohnkostensenkung und niedrigeren Steuern

Der Chef des ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts, Hans Werner Sinn, meint: „Ob wir wollen oder nicht: Dem Niedriglohnwettbewerb mit unseren östlichen Nachbarn können wir nicht ausweichen. Wir stehen in einer historischen Phase, wo die Lohnkosten gesenkt werden müssten, um das Massensterben von Firmen und insbesondere die Verlagerung arbeitsintensiver Produktionsprozesse nach Osteuropa [und den Fernen Osten] zu verlangsamen.“ Frage: Wie sollen mehr Arbeitsplätze entstehen? Sinn: „Durch deutlich niedrigere Steuern und Lohnkostensenkungen, die sich auf den Niedriglohnsektor konzentrieren. Wenn die Löhne sinken und die Leute länger arbeiten, schaffen die Unternehmen neue Arbeitsplätze und lassen Menschen statt Maschinen in den Fabrikhallen arbeiten. Entscheidend ist dafür, dass der Sozialstaat umgebaut wird.“ Diese Sichtweise ist jedoch unvollständig. Die Lohnsenkung verzögert lediglich einen unvermeidbaren Tod. Innovation wäre stattdessen die Antwort Schumpeters auf den Niedriglohnwettbewerb. Deutschland kann dieses lohnpolitische race to the bottom niemals gewinnen. Hinter Polen steht China, hinter China lauert Indien. Irgendwann, so die logische Konsequenz, landen die Löhne auf chinesischen und unser Sozialstaat auf indischem Niveau. Die niedrigen Löhne in Polen und China reflektieren die am deutschen Standard gemessen noch niedrige Innovationsintensität ihrer Produkte und Technologien. Niedrige Löhne, geringe Sozialstandards usw. – also die sprichwörtlichen „neoliberalen“ Aktionsparameter – sind Ausdruck einer geringen Innovationsleistung.

Wer sich mit Polen, China und Indien über Löhne und Sozialleistungen auf Konkurrenz einläßt, verarmt, rückentwickelt sich auf deren Standards, wenn er sein Innovationssystem schleifen läßt.
(Jochen Röpke, 2004, S. 27)

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