Unsere Stück-für-Stück-Betrachtung

Wir fragen ständig nach einem Zweck, nach einer Absicht in unseren Interaktionen und in unseren Beziehungen. Diese Frage wird deutlich in folgenden Redewendungen, die wir menschliche Wesen der westlichen Welt gebrauchen, wenn wir einander begegnen: „Was wollen Sie? – Was kann ich für Sie tun? – Was machen Sie hier?“ Oder in den Rechtfertigungen, die wir anbieten für unsere Handlungen: „Ich wünsche, dass Du das tust, denn… Es ist gut, das zu tun, denn…“. Wie leben unser Leben gewöhnlich nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft, ausgerichtet auf das, was wir haben wollen, oder in der Vergangenheit, gebunden an das, was wir verloren haben. Das führt dazu, dass wir nur unerfülltes Verlangen und Erwarten oder untröstliche Klage und Enttäuschung sind[1].

Unser lineares Kausaldenken ist durch unsere partriarchalische Kultur geprägt und durch das mehrhundertjährige wissenschaftlich-technische Zeitalter, das im 17.Jhd. begann und uns eben eine bestimmte Art von Wissenschaft und Technik brachte, die wir fälschlicherweise für die einzig mögliche halten[2] und nach der wir auch noch heute unsere Kinder erziehen, denn das Ziel unseres Erziehungssystems (Trivialisierungsanstalten[3]) besteht darin, die Kinder zu trivialisieren, also berechenbare Staatsbürger zu erzeugen und somit jene ärgerlichen inneren Zustände auszuschalten, die Unberechenbarkeit und Kreativität ermöglichen[4]. Der Schüler kommt zur Schule als eine unvorhersagbare „nicht-triviale Maschine“. Wir wissen nicht, welche Antwort er auf eine Frage geben wird. Will er jedoch in diesem System Erfolg haben, dann müssen die Antworten, die er auf unsere Fragen gibt, bekannt sein. Diese Antworten sind die „richtigen“ Antworten[5]. In unserer Methode des Prüfens werden nur Fragen zugelassen, auf die die Antwort bereits bekannt sind, und die folglich von dem Schüler auswendiggelernt werden müssen[6]. Es gibt aber nicht eine richtige Antwort, sondern eine Vielzahl von Lösungen. Heinz von Förster nennt diese Fragen, deren Antwort bekannt ist, „illegitime Fragen“ und stellt die Frage, ob es nicht faszinierend wäre, ein Bildungssystem aufzubauen, das von seinen Schülern verlangt, Antworten auf „legitime Fragen“ zu geben, d.h. auf Fragen, deren Antworten unbekannt sind?[7] Die übliche Vorstellung von einem Lehrer ist, dass er alles weiss – und die Schüler nichts wissen. Lernen wäre demnach die schrittweise Beseitigung von Unwissen[8]. Man überführt einen schlechten Zustand in einen besseren.

In dieser Denke des „Wissenstransfer“ läuft von den Bildern her so ziemlich alles schief, was schief laufen kann, vom „Wissen“, das „weitergegeben“ wird, bis hin zum „Wissen“, das wie Futtermittel „eingelagert“ wird. Hier geistert scheinbar immer noch die Idee vom „Nürnberger Trichter“ herum: Du bohrst ein Loch in den Kopf, nimmst einen Trichter, schüttest die gesamten Buchstaben und Gleichungen hinein und hoffst, dass sich diese Buchstaben und Gleichungen in den erforderlichen Abfolgen anordnen und in den passenden Schubladen zum abrufen eingelagert werden[9]. Wissen lässt sich jedoch nicht vermitteln[10], sondern ist erfahrungsbasiert und wird von einem Menschen selbst generiert[11] . Dies ist auch das Problem der Technologie-Transferzentren.

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Daoismus als Erklärungsmodell für wirtschaftliche Entwicklung

Nachfolgend wird auf Basis der Überlegungen von Jochen Röpke und Ying Xia aufgezeigt, warum der Daoismus ein ideales Erklärungsmodell für wirtschaftliche Entwicklung darstellt.Der Daoismus ist keine metaphysische Lehre und kein Glaubenssystem. Er beschäftigt sich mit der „realen“ Welt, mit dem Lauf der Welt und der Dinge in ihr, mit den Prinzipien und Möglichkeiten und Strategien ihrer Gestaltung, Verbesserung, Evolution, auch ihres Niedergangs und ihrer Zerstörung.Der Daoismus ist keine lebensfremde Philosophie; er reflektiert die chinesische historische Entwicklung über viele Jahrhunderte und ist eine theoretische „Antwort“ auf die „Herausforderungen“ der Moderne. Weiterlesen

Die Gegenwart bestimmt die Vergangenheit

Wir meinen, dass die Vergangenheit bestimmt, was wir heute sind und tun.
Es ist doch aber vielmehr so, dass die Gegenwart die Vergangenheit bestimmt und nicht die Vergangenheit die Gegenwart, genauso wie ein Schiff Wellen hinter sich lässt und nicht die Wellen das Schiff antreiben. Zurückgedacht zu dem Punkt an dem alles (das Universum) begann, gab es keine Vergangenheit, d.h. die Dinge, die zu diesem Zeitpunkt passierten, bestimmten die Vergangenheit – und so ist es auch heute noch.

Man muss sich immer fragen, warum entscheide ich genau jetzt so und nicht, warum ich mich in der Vergangenheit so oder so entschieden habe. Sich an der Vergangenheit orientieren, was wir ja auch gerne im täglichen Management machen – indem wir uns bspw. die Vergangenheitszahlen anschauen, um daraus Prognosen für die Zukunft abzuleiten – ist genauso, als wenn wir ein Auto fahren und bei der Fahrt durchs hintere Fenster schauen. Die Zukunft wird immer anders sein als die Vergangenheit und jede Entscheidung, die heute getroffen wird, wird immer unter anderen Voraussetzungen getroffen, als in der Vergangenheit. Ob eine Entscheidung letztendlich richtig oder falsch gewesen ist, kann man zudem nie im nachhinein beurteilen.

Mythos der Kausalität

Unsere Kultur, unsere Ausbildung und unsere bewusste Aufmerksamkeit basiert auf linearem Scannen (den Chinesen ist diese Denkweise vollkommen fremd). Wir analysieren die Welt in Linien so, als wenn man einen Spot im Raum bewegt. Warum unsere Ausbildung so lange dauert und für viele Menschen so schwierig ist, liegt daran, dass wir kilometerweise gedruckte Linien scannen und wir dies als wichtige Information erachten.

Die Welt besteht jedoch nicht aus Linien, sondern ist ein multidimensionales Continuum, in dem alles gleichzeitig und überall passiert und es passiert so schnell, dass es nicht in Linien oder andere Informationen übersetzt werden kann, wie schnell wir es auch zu scannen vermögen.

Computer können zwar das lineare scannen deutlich verschnellern, aber es bleibt weiterhin lineares scannen.

Eine Katze wird gebohren mit Kopf und Körper. Wir zerteilen diese jedoch in unterschiedliche Stücke, um sie zu beschreiben und dann vergessen wir, dass wir dies getan haben. „Der Kopf der Katze“ und „der Körper der Katze“, obwohl es eine ganze Kopf-Körper-Katze ist. Nachdem wir die Katze in Stücke zerlegt haben, versuchen wir zu beschreiben, wie diese Stücke wieder zusammenpassen. So machen wir es mit allem und dem gesamten Universum. Und so haben wir den Mythos der „Kausalität“ erfunden, um zu beschreiben, wie die einzelnen Stücke, die wir zuvor zerlegt haben (und von dem wir vergessen haben, dass wir das taten), zusammengehören.

Wir zerlegen die Welt nur deshalb in kleinere Stücke, damit wir sie intellektuell verarbeiten können. Unsere Welt, die Natur und im Endeffekt alles ist jedoch nicht star und in Stücke zerlegbar, sondern durch und durch wendig und „durcheinander“ (wir würden nach unserem westlich antrainierten Ordnungssinn sagen, unordentlich, was uns letztendlich dazu verleitet, in die Welt einzugreifen – aber hat jemand schon einmal eine unförmige Wolke gesehen?).

So lange wir jedoch an der Weisheit der Linearität festhalten, können wir nicht mit mehr als ein paar Variablen gleichzeitig umgehen (komplexe Systeme sind analytisch nicht erklärbar).

Wenn wir studieren, dann lernen wir, mit dieser Fülle von Variablen mit Hilfe statistischer Methoden umzugehen, genauso wie Versicherungsgesellschaften mathematische Tabellen benutzen, um vorherzusagen, wann die meisten Menschen sterben werden.
Das dabei herauskommende durchschnittliche Alter spiegelt jedoch nicht das einer einzelnen Person wider und die Bandbreite der individuellen Sterbealter liegt sehr weit auseinander. Mit solchen armseligen Methoden versuchen wir Gentechnik zu betreiben und unsere politischen und ökonomischen Probleme zu lösen. Unser Gehirn hingegen ist in der Lage, Millionen von Variablen zu verarbeiten, denen wir keine bewußte Aufmerksamkeit schenken. Unser Gehirn und unser Nervensystem steuert just in diesem Moment, wo wir mit lesen und denken beschäftigt sind, ganz nebenbei unseren Bluthaushalt, unsere Drüsen, das Verhalten von millionen Zellen usw. und all dies, ohne darüber nachdenken zu müssen und ohne Prozesse in bewußte Worte, Symbole oder Zahlen zu übersetzen.

Fortschrittliches Denken durch Yin & Yang-Polarität

Am Wochenende las ich wieder mal eines der Bücher meines Lieblingsautors Alan Watts und musste erneut feststellen, wie viel wir von der traditionellen jahrtausend alten taoistische Philosophie für ein besseres und nachhaltigeres Management und Denken lernen können, da unsere alltäglichen Verhaltensweisen doch auf grundsätzlich anderen Vorstellungen zu beruhen scheinen… Dies wurde zwar schon oft von mir in diesem Blog ausgeführt, aber es ist immer wieder erfrischend darüber zu schreiben…Das chinesische Denken und Fühlen wurzelt in dem Prinzip der Polarität (nicht zu verwechseln mit Gegensatz oder Konflikt!).Polarität ist das Prinzip, daß + und -, Nord und Süd, verschiedene Aspekte ein und desselben Systems sind und das Verschwinden das einen das Verschwinden des Systems bedeuten würde.Die westliche Denke und Technologie ist noch immer ganz darauf abgestellt, „die Welt zu verbessern“, Freude zu haben ohne Leid, Reichtum ohne Armut und Gesundheit ohne Krankheit. Doch wie immer deutlicher wird, haben unsere gewaltsamen Anstrengungen, dieses Ziel mit Mitteln wie DDT, Penizillin, Kernenergie, industrielle Landwirtschaft usw. zu erreichen und jeden gesetzlich zu zwingen, oberflächlich „brav und gesund“ zu sein, mehr Probleme geschaffen, als sie lösen.Wir haben ein komplexes System von Beziehungen gestört, das wir nicht verstehen, und je mehr wir zu seinen Details vordringen, desto mehr entzieht es sich uns, indem es immer mehr Details enthüllt (Wissen erhöht Unsicherheit).Während wir versuchen, die Welt zu begreifen und zu dirigieren, läuft sie uns davon. Weiterlesen

Die „Wiedergeburt“ des Daoismus durch LOHAS

Nachdem es in den letzten Jahrhunderten recht ruhig um den Daoismus (Fokus: Beziehung zwischen Mensch und Natur) geworden war und sowohl in China als auch in der westlichen Welt die Philosophie des Konfuzianismus (Fokus: (Regelung der) Beziehungen der Menschen untereinander) die wichtigste Rolle in Politik und Gesellschaft spielt, tritt insbesondere im Westen seit den 70er Jahren des 20. Jhd. – u.a. Dank Alan Watts – der Daoismus wieder stärker in den Mittelpunkt der Denk- und Lebensweisen der Menschen und bekommt nun, nachdem kurzzeitig schon fast wieder in Vergessenheit geraten, aktuell durch die „LOHAS“ einen kräftigen neuen Auftrieb und Schwung – wenn auch nicht unter dem Titel „Daoismus“, aber letztendlich in einer sehr ähnlichen Form der Ausgestaltung des Lebens…Die Daoisten leben nach dem Prinzip des „wu wei„, d.h. dem „nicht eingreifen“ also nach dem Bild des „Lauf des Wassers“, welches sich beim fliessen an die Umgebung anpasst – wie ein Strom den Konturen des Landes folgt.Der Daoist nimmt sich vor, seinen Geist und Körper mit der natürlichen Ordnung in Einklang zu bringen. Sie streben danach, auf Situationen in der angemessensten, aber am wenigsten angestrengten Weise zu reagieren, passen sich ihrer Umgebung an, um sich harmonisch im Strom der Ereignisse zu bewegen.Was hat der Daoismus nun mit Nachhaltigkeit und LOHAS zu tun?Die Lehre des „wu wei“ besagt, keine Handlungen auszuführen, die nicht mit den Gesetzen der Natur in Einklang stehen. Also ganz im Gegensatz zu der vorherrschenden Denkweise, nach der derzeit die meisten Menschen (durch viele Religionen gestützt) leben und in der Natur einen „Feind“ sehen und somit der Mensch die Aufgabe hat, die Natur in seine Bahnen zu lenken und in natürliche Prozesse einzugreifen – ganz nach dem Prinzip, dass man der Natur nicht trauen darf und daher Flüsse begradigt werden müssen, etc. Aus dem Flugzeug (oder umweltfreundlicher mit Google Earth) kann man ja bereits sehr gut erkennen, wie akribisch und in welchem Ausmaß die Menschen dieses Prinzip verfolgen…Daoisten hingegen meiden das Eingreifen in den Ablauf natürlicher Ereignisse und akzeptieren, dass dies sowohl bedeutet, mit den Unannehmlichkeiten der Natur zu leben wie auch sich ihrer Freigiebigkeit zu erfreuen.Es liegt hierbei die Vorstellung zu Grunde, dass das Dao die Fähigkeit besitzt, alle Unregelmäßigkeiten aufzulösen und ein harmonisches Gleichgewicht herzustellen.Wenn wir der natürlichen Ordnung im Wege stehen oder ihr ohne Sensibilität zuwiderhandeln, kann daraus nur Unheil folgen.Niemals hat diese einfache Botschaft so viel Resonanz gefunden wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts, da wir nun die Folgen der groben Umweltsünden ernten, die wir mutwillig und voller Überheblichkeit an unserem Planeten begangen haben.Wir sehen, wie ein Bewässerungsprojekt, welches aus einem Fluss allzu viel Wasser ableitet, um Baumwolle anzubauen, das Kaspische Meer zu salzhaltig werden lässt. Wir sind Zeuge, wie unser Planet künstlich erwärmt, unser Klima zerstört und unsere Atmosphäre durch Toxine angegriffen wird.Gibt es einen besseren Beweis für die Weisheit des wu wei?Der Daoist glaubt, dass er in einer möglichst engen Übereinstimmung mit der Natur leben muss, um dem natürlichen Weg zu folgen. Weiterlesen

Gegenüberstellung: Westliche und die asiatische Denke

Wie unterschiedlich Wahrnehmung, Erkenntnisgewinnung, Informationsverarbeitung, Wahrnehmung der „Realität“ und die Art des Denkens bei den Menschen durch die Kultur geprägt wird, veranschaulicht der Vergleich zwischen abendländischer und chinesischer Denk- und Sichtweisen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Unser lineares Ursache-Wirkungs-Denken hat seinen Ursprung in unserer abendländischen Kultur, die auf die Ideen der alten Griechen zurückgeht. Unsere Sprache mit den lateinischen Buchstaben wird zunächst nach Gehör (bzw. Augenlicht) analytisch in Laute (bzw. Buchstaben) zerlegt. Bspw. hat das geschriebene Wort „Geld“ mit dem Gegenstand, den es bezeichnet nicht die geringste Ähnlichkeit.

Ganz anders bei den Chinesen. Ihre Pictogramme/Bildzeichen sind ein vereinfachtes Bild dessen, was es bedeutet – und zwar als synthetische/synoptische Ganzheit. Wir schreiben Lautzeichen für Lautzeichen, die Chinesen skizzieren dagegen den Gegenstand als Ganzen, so wie wir ihn sehen. Dies führt zu einer vollkommen anderen Denkweise.

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