Zählt das originäre Geschäftsmodell noch etwas?

Oder ist alles nur noch Spekulation?
Wenn man sich die riesigen Deals im eCommerce in der jüngeren Vergangenheit ansieht (Zalando, Fab.com,…), dann kommen einem schon so ein paar Gedanken…

Ich habe mich – auch aus eigener Erfahrung mit VCs – angefangen zu fragen, ob das eigentliche Geschäftsmodell (und der Innovationsgrad) überhaupt noch etwas zählt, oder ob es nur noch um Spekulation geht.
Gigantische Summen werden in Unternehmen investiert. Klar – nicht zum Selbstzweck, sondern das Geld wird natürlich auch ausgegeben – in Werbung, Internationalisierung, Logistikzentren usw. Alles schön und gut.
Nehmen wir uns einmal das Beispiel Zalando. Schon bewundernswert, in welch kurzer Zeit eine riesige Summe Geld für radikale Marktveränderungen in eigentlich verteilten Märkten sorgen und das neoklassische “Gleichgewicht” durcheinander wirbeln kann. Der Bekanntheitsgrad ist extrem nach oben geschnellt und auch Arbeitsplätze wurden geschaffen usw. Aber auf der anderen Seite hat Zalando die Schuhindustrie (und jetzt auch Bekleidung) radikal verändert. Viele Schuhhändler sind und werden in ihrer Existenz bedroht – am Ende jedoch ein Nullsummenspiel (denn mit der Schaffung von Arbeitsplätzen werden mindestens ebensoviele vernichtet) auf altem Entwicklungsniveau. Der Schuhmarkt konsolidiert sich und wird oligopolistischer – mit allen Vor- und Nachteilen.
Was ist aber mit dem eigentlichen Geschäftsmodell? Einfacher Schuhverkauf im Internet ist sicher (auch künftig) nicht das Geschäft, mit dem man hohe Renditen erzielen kann. Schon gar nicht bei Versandkostenfreiheit, hohen Retourenquoten und Bewirtschaftung von großen Logistikcentern.
Die hunderten von Millionen, die investiert wurden, werden sicher nicht oder wenn überhaupt, dann erst in Jahrzenten aus dem originären Geschäft (Verkauf von Schuhen und Mode) erwirtschaftet.
Es geht aus meiner Sicht daher hierbei nur um reine Finanzspekulation. Die Chance, die erworbenen Anteile einem Dritten teurer zu verkaufen sind enorm. Wohl dem, der früh dabei war – den letzten beissen die Hunde. Da wird aus meiner Sicht rein finanzspekulativ etwas hoch gehalten, was vom reinen Wert des Geschäftsmodells kaum etwas Wert wäre. Der Gewinn und die Rendite findet im reinen Finanzsektor bzw. im Spekulativen Bereich statt. Wann und ob bspw. Zalando aus dem eigentlichen Geschäftsmodell ein tragfähiges machen wird, steht in den Sternen – vielleicht langfristig, wenn alle anderen und zuvor sogar eigentlich solide Unternehmen platt gemacht wurden bzw. mit den gigantischen Investitionssummen nicht mithalten können.
Letztendlich wurde ja kein neuer Markt geschaffen – die Menschen kaufen dadurch auch nicht mehr Schuhe oder Kleidung – nur eben woanders. Es wird lediglich ein bereits verteilter Markt um- bzw. neu verteilt.
Das Geschäftsmodell hinter dieser Strategie ist eigentlich vollkommen egal (Schuhe, Möbel, Mode, Elektronik,…) – auch, ob es jemals für sich genommen ein tragfähiges Geschäft wird. Das Ganze geht solange gut und kann auch längerfristig hoch gehalten werden, solange alle Finanzinvestoren sich untereinander an die Spielregeln halten und/oder das Unternehmen an die Börse gebracht wird. Auch dort wird man den künstlich geschaffenen Wert sicher noch eine Zeit lang hoch halten können.
Alles schön und gut und die Investoren, die mit hohen Summen zum künstichen Hypen und Aufpumpen der Blase eines eigentlich “alten” Geschäftsmodells und zur “Marktbereinigung” bzw. “Umverteilung” beigetragen haben, werden sicher für sich ein gutes Finanzgeschäft machen können. Aber irgendwie Exciting ist das alles nicht…
Ich frage mich, was der gesellschaftliche Nutzen und der Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung ist. Ist dieses Geld so investiert, dass es die Gesellschaft und/oder Wirtschaft wirklich weiter bringt oder doch nicht eher so, dass nur einige wenige möglichst schnell viel Geld verdienen können?
Hat uns bspw. Zalando gesellschaftlich und wirtschaftlich irgendwie voran gebracht? Schreien wir vor Glück?
Die zentralen Fragen sind für mich:
Leben wir dadurch gesünder? Leben wie “besser”? Werden weniger Menschen ausgebeutet und auch die Arbeitsbedingungen verbessert? Gibt es weniger Kinderarbeit? Werden netto mehr Arbeitsplätze geschaffen? Geht es der Umwelt dadurch besser? Ist die Zerstörung anderer Unternehmen in diesem Markt auch eine schöpferische, d.h. wurde durch Innovationen die wirtschaftliche Entwicklung vorangetrieben – für neues wirtschaftliches Wachstum? Was würde uns fehlen, wenn es bspw. Zalando oder Fab.com etc. nicht geben würde?
Ich stelle mir in diesem Zusammenhang die Frage was wäre, wenn die Investition eher in wirtschaftliche und/oder ethisch korrekte Entwicklung und Innovationen geflossen wäre? Ich will ja aus den Samwers und Investoren nicht gleich Heilige machen und mit deren kurzfristigen Denke ist sicher viel schneller viel Geld zu verdienen als durch Innovation – alles auch eine Frage der Ethik in mehrfacher Hinsicht.
Investitionen in die Zukunft bzw. Innovationen können nicht so schnell und “erfolgreich” in den Markt eingeführt werden, wie es Finanzspekulationen in bestehende Märkte und in bereits vorhandene Geschäftsmodelle scheinbar möglich machen, Geld zu verdienen. Dafür sind die Phasen der Überzeugung von Menschen und die Änderung von Gewohnheiten (z.B. etwas für die Gesundheit oder Umwelt zu tun, ein neues innovatives Gerät zu benutzen,…) etc. einfach zu lang, Schwerfällig und mit Risiken und Stolpersteinen verbunden. Schneller geht es natürlich, wenn die Veränderungen nicht so groß sind – also man als Kunde einfach nur die Einkaufsquelle wechselt und man als Innovator bzw. Unternehmer nicht erst “Überzeugungsarbeit” leisten muss, das Verhalten zu ändern oder etwas anders bzw. neu zu machen.
Reine Manager-Aufgaben, wie bestehende Märkte umverteilen ist einfach trivialer, als neue zu schaffen. Dies geht aber nur, indem man diese hohen Summen investiert und Finanzhürden aufbaut, wo etablierte Unternehmen ohne entsprechende Möglichkeiten nicht mithalten können. Um einen Schuhhandel aufzubauen und zu betreiben braucht man nicht soviel Geld – um den Wettbewerb zu eliminieren schon.
Nur tritt Wirtschaft und Gesellschaft mit einer solchen Denke weiter auf der Stelle – auf gleichem Entwicklungsniveau und alten Märkten – und entwickelt sich somit perspektivisch eher zurück und nicht nach vorne – hinter die USA, China, etc. Langfristig schadet dies dann einfach Wirtschaft, Gesellschaft, Lohn- und Sozialniveau.

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