Warum jetzt klassisches „Management“ versagt

Wir stehen derzeit in fast allen Branchen vor einschlägigen Veränderungen.
In den letzten Jahren haben (bis einschließlich heute) weitestgehend Kennzahlen- und Controlling gesteuertes Management (und somit der Effizienz-Fokus) die Unternehmensführung dominiert – MBAs (der Verwalter steckt ja schon im Namen) und Berater wurden hochgelobt. Nicht, dass ich etwas gegen diese hätte – in den Abschnitten der Wachstumsphase des Markt- und Produkt-Lebenszyklus können diese durchaus ihre erfolgreiche Daseinsberechtigung haben.
Die eingesetzten zahlengestützten/mathematischen Führungsinstrumente funktionieren jedoch nur gut in (neoklassischen) Gleichgewichtsmärkten und somit in Routine Geschäftsmodellen (Gewinnmaximierung, Märkte in Gleichgewicht bringen, usw.).

Die Finanz- und Wirtschafts-„Krise“ ist m.E. durch diese neoklassisch geprägte Denkweisen verstärkt worden, da bisherige Modelle auf einmal nicht mehr funktionierten, die Unternehmen somit (durch die Brille dieser Kennzahlen) aus dem Ruder geraten sind und meist von Managern/Verwaltern von Routine-Geschäften geführt werden. Aufgrund ihrer mangelnden Unternehmer-Kompetenz verfielen diese in Panik, da sie vor etwas Neuem stehen, worin sie keine Erfahrung haben und das eingesetzte Set an möglichen „Management“-Modellen nicht mehr funktioniert – die Märkte bewegen sich vom Gleichgewicht weg. Und dass komplexe Systeme analytisch nicht erklärbar sind hat zuletzt diese „Krise“ abermals bewiesen, da man ansonsten bei all dem, was heutzutage gemessen, analysiert und an Daten gesammelt wird, diese Situation hätte vorhersehen und verhindern können. Findige Statistiker und Mathematiker werden sicherlich in nächster Zeit neue Formeln und Modelle „erfinden“, die vor derselben Situation schützen sollen – ganz nach dem Irrglauben, dass es einen ingenieurartigen „Bauplan“ für die Welt gibt und sich komplexe Systeme wie triviale Maschinen steuern lassen können – bis zur nächsten „Krise“, denn wie Heinz von Förster bewiesen hat, sind komplexe Systeme analytisch nicht erklärbar.

Nun stehen viele Unternehmen vor Veränderungen und neuen Herausforderungen – also vor etwas Neuem und da die Zukunft offen ist, vor nicht vorhersagbarem – eine Fortschreibung aus der Vergangenheit ist nicht mehr möglich.
Dies erfordert jetzt andere Qualitäten als „Management“ und „Verwaltung“ – unternehmerisches Gespür und Geschick werden der Schlüsselfaktor zur Sicherung der Unternehmenszukunft. Effektivität wird wieder wichtiger als Effizienz. Dies bedeutet somit, dass bisherige Steuerungsinstrumente per Definition nicht mehr funktionieren können, da Veränderungen konsequenterweise eine andere Steuerung nötig machen als bisher. Folglich bedeutet Veränderung, dass es für das Erreichen des Neuem kein valides Kennzahlensystem oder Modell zur Steuerung geben kann (diese Instrumente sind immer vergangenheitsorientiert), da Veränderung ja zwangsläufig immer anders ist als das, was man bisher getan hat…
Hier hilft somit kein Controlling oder zahlengetriebene Management-Modelle weiter. Die Zukunft ist ungewiss, sie hat noch nicht stattgefunden. Folglich kann man auch nicht wissen, welche Steuerungsinstrumente funktionieren werden. Es können letztlich für etwas was neu ist, keine (geprüften) Steuerungsinstrumente existieren (genauso wenig, wie es bspw. eine Standardsoftware für ein innovatives Internet-Geschäftsmodell geben kann – Innovation und Standard schließt sich per Definition aus).
Es sind in Zeiten wie diesen Unternehmer gefragt. Menschen, die sich nicht von (lediglich durch bis heute erfundenen mathematischen Modellen und somit lediglich) zufällig messbarem blenden lassen.
Menschen, die mit „Ungleichgewicht“ umgehen können und versuchen Unternehmen nicht wieder in alte Zustände zurück zu führen, sondern die Unternehmen auf eine neue Ebene transferieren. Menschen, die anders und neu denken, nach den Grundsätzen des evolutorischen Management handeln und die aus Überzeugung und Leidenschaft neue Wege beschreiten wollen und Mut zur Veränderung haben – aber auch die Fähigkeit besitzen, diese durchsetzen zu können, Mitarbeiter mitreißen und begeistern und für eine Aufbruchstimmung sorgen können.

4 Gedanken zu “Warum jetzt klassisches „Management“ versagt

  1. Ich kann dieser Analyse nur zustimmen. Das Thema Entrepreneurship und damit die kreative Zerstörung a la Schumpter sollte mehr ins Bewußtsein der Manager rücken. Mein Buchtipp zum Thema Entrepreneurship ist „Kopf schlägt Kapital“ von Prof. Günter Faltin.

  2. und nicht zu vergessen „Der lernende Unternehmer“ von Prof. Röpke, „Systemisches Management, Evolution, Selbstorganisation“ von Prof. Malik sowie die Bücher von Guy Kawasaki…

  3. Fast d’accord. Aber den Abgesang auf das Kennzahlen-gesteuerte Management mag ich nicht voll unterschreiben. KPIs gibt es immer und überall. Wer nicht misst (allerdings andere Werte als früher), strengt sich ziellos an.

    Faltin hat m.E. auch nicht die Controller-Kaste verdammt.

  4. Sicherlich wird es immer und überall KPIs geben. Meiner Ansicht nach sollte man aber diesen nicht blind vertrauen und überbewerten, sondern sich immer wieder bewusst machen, woher diese kommen und was sie eigentlich nur sind. Auch wenn mathematisch sauber hergeleitet sind alle KPIs letztenendes rein willkürlich aus der Welt des theoretisch möglichen künstlich herausgelöst. Sie unterliegen immer einer künstlichen „Zerschneidung“ der Welt, da man, um diese „handhabbar“ zu machen, in kleine Stücke zerlegt und definiert, was mit einbezogen wird und was nicht (man schneidet aufgrund der Komplexität immer den größten Teil ab) – KPIs sind – auch wenn mathematisch messbar – dennoch subjektiv definiert, denn welche Faktoren mit bei der Berechnung einbezogen werden oder nicht wird subjektiv festgelegt (genauso wie man definiert, wo ein Arm anfängt und endet – irgendjemand sagt dann wo ein Arm anfängt und wo er endet und jeder hält sich daran, obwohl man die Grenzen auch hätte anders ziehen können.
    Auch die Interpretation der KPIs und die daraus abgeleiteten Entscheidungen sind rein subjektiv und hängen von der Strukturdeterminiertheit des Interpretierenden ab.

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