„Jeder will heute berühmt sein“

Chris deWolfe: „Wir versuchen nicht, zu bestimmen, was cool ist“

22. Dezember 2006
Myspace, Youtube, Facebook, Flickr – so heißen die Vertreter einer neuen Generation von Internetunternehmen, die oft unter dem Stichwort „Web 2.0“ zusammengefaßt werden. Sie machen das Internet zu einer Plattform, die von den Mitgliedern selbst gestaltet wird. Diese stellen Profile auf die Seite, kommunizieren untereinander und tauschen Inhalte wie Fotos oder Musik aus. Myspace wurde Anfang 2004 gegründet und ist damit fast schon so etwas wie ein Veteran.

Die Videoseite Youtube gibt es erst seit gut einem Jahr. Um so größer war die Verblüffung, als der Internetgigant Google für das blutjunge Unternehmen 1,65 Milliarden Dollar bezahlt hat. Myspace wurde im vergangenen Jahr für die ungleich kleinere Summe von 580 Millionen Dollar an den Medienkonzern News Corp. von Rupert Murdoch verkauft.

Die Gründer Chris DeWolfe und Tom Anderson blieben bei Myspace. Der 41 Jahre alte DeWolfe hat den Titel Chief Executive Officer, der 31 Jahre alte Anderson ist President. Die Website wächst bis heute rasant, hat mittlerweile mehr als 140 Millionen Mitglieder. Seit ein paar Monaten gibt es auch einen deutschsprachigen Ableger. News Corp. veröffentlicht keine separaten Finanzergebnisse für Myspace. Der für das Tagesgeschäft zuständige Peter Chernin von News Corp. sagte aber vor wenigen Tagen, Myspace werde im laufenden Geschäftsjahr 2006/07 (30. Juni) nahe an der Gewinnschwelle sein.

Herr DeWolfe, was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, daß Google 1,65 Milliarden Dollar für Youtube zahlt? Haben Sie Myspace zu früh verkauft?
Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich versuche, Dingen nicht hinterherzutrauern. Tatsache ist, ich war schon überrascht von der Summe, die Google in die Hand genommen hat. Ganz offensichtlich sind die Preise für Unternehmen in unserem Geschäft sprunghaft gestiegen. Ich würde sagen, daran haben wir großen Anteil. Dadurch, daß wir verkauft haben, haben wir den Wegbereiter gespielt. Ohne unseren Zusammenschluß mit der News Corp. hätte es den Deal zwischen Youtube und Google in dieser Dimension nicht gegeben.

Gibt es denn wieder die Gefahr einer Internetblase?
In gewisser Weise schon. Ich sehe viele Unternehmen, denen ich keine Überlebenschance zutraue. Die sind auf irgendeine Spielerei spezialisiert, die vielleicht als Einzelfunktion innerhalb eines größeren Konzepts ganz hübsch ist, aber nicht für ein unabhängiges Unternehmen reicht.

Früher hatten Teenager ein Tagebuch, das sie abgeschlossen haben. Heute posaunen sie auf Seiten wie Myspace in die Welt hinaus, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Wie erklären Sie diesen Wandel?
Ich glaube, da findet ein richtig großer gesellschaftlicher Umbruch statt. Die jungen Menschen von heute sind mit dem Internet aufgewachsen, sie fühlen sich in dem Medium wohl. Außerdem gibt es ohne Zweifel einen größeren Drang zur Selbstdarstellung. Sehen Sie sich den Erfolg von Reality-Fernsehen an. Immer mehr Menschen wie du und ich treten vor einem Massenpublikum auf. Die Leute wollen heute, daß man sie kennt. Und am liebsten wollen sie berühmt sein.

Könnte man sich aber nicht genausogut vorstellen, daß irgendwann wieder eine Gegenbewegung einsetzt? Daß Leute feststellen, sie haben sich der Weltöffentlichkeit offenherziger mitgeteilt, als ihnen lieb war?
Nein, ich glaube, das ist ein langfristiger Trend. Es gibt grundsätzlich eine größere Entspanntheit im Umgang mit dem Internet, und das wird sich nicht umkehren. Im übrigen bieten wir bei Myspace die Option von mehr Privatsphäre. Nutzer können ihre Profile für die Allgemeinheit sperren und bestimmen, wer Zugang bekommt.

Der Musiksender MTV galt lange als dominierende Jugendmarke. Trauen Sie sich zu, MTV diesen Rang abzulaufen?
Ich denke, beide haben ihren Platz in der Popkultur. Der Unterschied ist: MTV zeigt Programme, von denen der Sender meint, daß sie beim Nutzer ankommen. Wir sind eine Plattform, die von den Nutzern selbst gemacht wird – und insofern automatisch ihren Geschmack trifft. Das ist im übrigen ein gigantischer Vorteil für uns. Wir stehen nicht unter dem Druck, ständig die nächste erfolgreiche Fernsehshow entwickeln zu müssen.

Also meinen Sie, daß Myspace heute „cooler“ ist als MTV?
Wir versuchen nicht, zu bestimmen, was cool ist und was nicht, das soll der Nutzer entscheiden. Aber an der Relevanz von Myspace besteht kein Zweifel. Sehen Sie sich nur an, wie oft Musikbands in Interviews auf ihre Myspace-Seite verweisen.

Wird die Macht von Seiten wie Myspace als Marketing-Instrument aber nicht überschätzt? Es gibt Beispiele von Filmen, um die es vor dem Kinostart einen riesigen Rummel im Internet gab, die nachher aber doch gefloppt sind . . .
. . . und ich kann Ihnen Beispiele nennen, wo genau das Gegenteil der Fall war. Wir haben in diesem Jahr eine Kampagne für den Disney-Film „Step Up“ gemacht, der ziemlich erfolgreich war. Bei Umfragen hat mehr als die Hälfte des Publikums gesagt, daß sie über Myspace zum ersten Mal von dem Film gehört haben.

Junge Leute gelten nicht gerade als loyal. Myspace mag heute eine angesagte Adresse sein, aber morgen liegt vielleicht etwas ganz anderes im Trend und Sie verlieren Nutzer . . .
Ich glaube, diese angebliche Illoyalität ist ein Mythos. Diese Gefahr wurde schon heraufbeschworen, als wir erst ein paar Millionen Mitglieder hatten, und sehen Sie sich an, wo wir heute sind. Unsere Größe bringt uns vielmehr einen riesigen Netzwerkvorteil. Wenn alle meine Freunde bei Myspace sind, bleibt mir auch kaum etwas anderes übrig.

Es gibt aber immer mehr Konkurrenten für Myspace…
und ich unterschätze keinen einzigen. Die großen Internetadressen wie Yahoo und MSN bauen ähnliche Dienste auf, sind aber zum Glück bisher nicht allzu erfolgreich. Die Medienkonzerne arbeiten an Strategien. Und dann gibt es unmittelbare Wettbewerber wie Youtube und Facebook, die ich alle sehr respektiere. Unsere Aufgabe ist es, ständig neue Dienste für unsere Nutzer zu entwickeln. Wir haben gerade eine Allianz mit dem Mobilfunkbetreiber Cingular geschlossen, die es möglich macht, übers Handy auf die Myspace-Seite kommen. Zu den obersten Prioritäten gehört die Expansion im Ausland. Wir haben jetzt Myspace-Seiten in acht Ländern, darunter eine in Deutschland. In den nächsten Monaten kommen weitere drei bis vier dazu. In Europa, Asien und Lateinamerika gibt es noch viel Potential.

Der größte Teil Ihres Umsatzes kommt von Werbung auf der Myspace-Seite. Werden sich die Werbebudgets weiter auf das Internet verlagern?
Das höre ich zumindest aus den Marketing-Abteilungen vieler Unternehmen, und das bestätigt sich in unserem Geschäft. Wir haben Werbekunden aus allen konsumorientierten Branchen. Wir haben in diesem Jahr eine große Werbeallianz mit Google geschlossen, die uns in den nächsten drei Jahren insgesamt mindestens 900 Millionen Dollar bringt. Die Werbeumsätze folgen ja nur dem Umstand, daß der Verbraucher relativ zu anderen Medien immer mehr Zeit im Internet verbringt.

Liest die Myspace-Generation noch Zeitung?
Ich denke nicht, daß Myspace-Nutzer Zeitungen ganz ignorieren, und bestimmt verfolgen viele von ihnen die Internetauftritte von Zeitungen. Aber wenn Ihre Frage lautet: „Lesen Myspace-Nutzer täglich eine gedruckte Zeitung?“, dann würde ich sagen: wahrscheinlich nein.

Wo sehen Sie Myspace in zehn Jahren?
Auf jeden Fall als großes, weltweit agierendes Unternehmen. Unsere Struktur wird sich sicher geändert haben: Bis dahin werden wir wahrscheinlich genausoviel Umsatz im Ausland wie in Amerika machen. Und der Anteil der Werbung am Umsatz wird nicht mehr bei fast 100 Prozent liegen, sondern vielleicht nur noch 60 bis 70 Prozent. Der Rest entfällt dann auf andere Angebote wie Handydienste.

Wie ist es denn, für Rupert Murdoch zu arbeiten?
Rupert Murdoch ist ein Visionär. Er hat ganze Industrien umgekrempelt und die Zeitungsbranche konsolidiert. In Amerika startete er neue Fernsehkanäle, als jeder sagte, der Markt ist voll besetzt. Ich sehe ihn vielleicht einmal im Monat. Natürlich hat sich mein Job seit der Übernahme durch News Corp. etwas geändert, und alles ist etwas strukturierter. Das ist auch nötig, weil wir rasant expandieren. Wir haben jetzt 300 Mitarbeiter und würden am liebsten jeden Monat 40 bis 50 neue einstellen, die aber schwer zu kriegen sind. Wir brauchen vor allem Softwareingenieure.

Ihr Vertrag und auch der von Tom Anderson bei der News Corp. läuft noch bis Oktober 2007. Bleiben Sie danach bei Myspace?
Wir sind hier ganz glücklich, und solange das so bleibt, gibt es keinen Grund, zu gehen. News Corp. läßt uns auch ziemlich an der langen Leine arbeiten, und das hilft.

Das Gespräch führte Roland Lindner.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ap

http://www.faz.net

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
To prove you're a person (not a spam script), type the security word shown in the picture. Click on the picture to hear an audio file of the word.
Click to hear an audio file of the anti-spam word