Drei unterschiedliche Sichtweisen auf die Natur und die Welt.

In der westlichen Theorie ist Natur/die Welt eine Maschine, etwas künstlich geschaffenes: Die Natur ist von Gott geschaffen worden (wie ein Töpfer Töpfe aus Lehm macht, oder ein Tischler einen Tisch aus Holz).

Unsere Tradition ist es auf die Welt, wie auf ein Konstrukt zu schauen. Irgendjemand weiss, wie sie zusammengesetzt ist. Irgendjemand versteht dies und dieser jemand ist der Erschaffer, der Architekt: Gott.
Im 18. Jhd. fing die wesliche Sicht an, sich zu verändern. Man wurde sich unsicher, ob es einen Ersteller, einen Gott gibt. Aber es wurde weiterhin auf die Welt als etwas künstliches geschaut (als eine Maschine). Zur Zeit Newtons wurde die Welt als eine mechanische Funktion gesehen. Und wir stehen immernoch unter diesem Einfluss. Wenn die Funktionsweise des menschlichen Körpers beschrieben wird, dann wird beispielsweise beschrieben, wie Nahrung aufgenommen wird, wie diese in den Körper wandert und wie welches Organ diese verarbeitet. Ganz genau so, als wenn man eine Nahrungs-Fabrik betrachtet, wo vorne ein Tier hineingegeben wird und hinten eine Wurst herauskommt.
Ebenso findet auch die medizinische Praxis statt. Man wird wie eine Maschine betrachtet. Wenn man bspw. in ein Krankenhaus zur allgemein-Untersuchung geht, dann wird man von unterschiedlichen Spezialisten untersucht. Man wird in einen Prozess gegeben. Jeder Arzt betrachtet den Menschen nicht als Mensch, sondern nur durch seine spezialisierte Brille. Der Herz-Spezialist betrachtet sich das Herz, von dem anderen versteht er nichts), der HNO-Spezialist betrachtet seinen Teil des Menschen usw. Jeder schaut auf seinen spezialisierten Teil, genauso, wie sich ein Auto-Mechaniker ein Auto betrachtet. Dies liegt an der Sichtweise, wie wir uns sehen und wahrnehmen. In der westlichen Sicht wird das „Ich“ meist als etwas im Gehirn wahrgenommen und nicht der gesamte Körper als „Ich“ gesehen. Wir leben in dieser Sicht in einem Körper genauso, wie mein ein Auto besitzt und wenn etwas kaputt ist, dann geht man zum Mechaniker, um es reparieren zu lassen. Man identifiziert sich nicht mit seinem Körper, genausowenig wie man sich mit seinem Auto identifiziert.
Dies ist die westliche Theorie von Natur – Natur als etwas künstiches, etwas hergestelltes.

Eine weitere Theorie von Natur und der Welt ist eine Ost-indische Sichtweise: Natur nicht als etwas künstliches, sondern als eine Art Schauspiel.
Grundlegend für die gesamte hinduistische Denke ist, das die Welt ist „Maya“ (Magie, Illusion, Kunst Spiel). Die Realität des Universums ist das „Ich“. Dieses „Ich“ ist unbeschreibbar. Und alles, was in der Welt passiert, passiert mit dem „Ich“ (it is happening on me). Wenn man Radio hört, dann ist es „auf den Lautsprechern“ (on the speaker). Alle Töne, die man im Radio hört sind eine Vibration der Lautsprecher. Das Radio spricht nicht. Der Sprecher redet nicht. Es ist keine echte menschliche Stimme oder keine Musikinstrumente, was man hört, sondern nur Vibrationen der Lautsprecher. Man wird nicht „hineingelassen“. Und auf die gleiche Art und Weise wird man auch vom Universersum nicht „hineingelassen“. Alle Erfahrungen sind Vibrationen eines „Selbst“ (nicht des eigenen Selbst). Wir alle liefern einen Beitrag zu diesem „Selbst“.
Dies ist die Theorie von der Natur als ein Schauspiel, es ist ein Spiel.

Die dritte Theorie von Natur und der Welt ist die chinesische Sichtweise.
Diese ist sehr interessant!

Natur bedeutet für die Chinesen etwas von selbst Geschehendes – was aus sich selbst geschieht. Spontan und automatisch (nicht mechanisch, sondern biologisch). Die Haare wachsen von selbst. Man muss nicht darüber nachdenken, wie sie wachsen sollen. Das Herz schlägt von alleine. Man muss nicht daran denken, dass es schlagen soll. Dies verstehen die Chinesen unter Natur. Ohne etwas machen zu müssen, kommt der Frühling ganz automatisch, das Gras wächst von ganz alleine, usw.
Das Chinesische Prinzip von Natur heisst „Tao (Dao)“ – „the cause of nature“ – die Ursache der Natur.
Nach Laotse kann das Dao nicht beschrieben/erklärt werden. Wenn man dies beschreiben könnte, dann wäre es nicht das Dao.
Das Prinzip des Dao ist Spontaneität. Das große Dao fliesst überall, nach links und nach rechts. Es liebt alle Dinge, aber es herrscht nicht über irgendwelchen Dingen.
Hierin besteht ein sehr großer Unterschied zwischen der chinesischen Idee des Dao als Naturprinzip und die christliche Idee von Gott als Herr und Meister über die Natur. Denn das Dao verhält sich nicht als Boss/Herrscher. In der chinesischen Sichtweise von Natur hat Natur keinen Boss.
Es gibt kein Prinzip, das Dinge zu einem bestimmten Verhalten zwingt. Es ist eine komplett demokratische Theorie der Natur.

Die westlichen Sichtweisen vertrauen der Natur meistens nicht. Von allen Dinge ist Natur das letzte, der man vertraut. Man muss sie „managen“ und auf sie „aufpassen“. Sie würde immer auf Abwege geraten, wenn man nicht auf sie aufpassen würde.

Die chinesische Grundphilosophie hat auch eine andere Gerechtigkeits-Denke. Mann kann Gerechtigkeit nicht in Gesetze niederschreiben. Wird Gerechtigkeit in Gesetzen definiert, dann ist dies voller Löcher und Möglichkeiten drumherum zu kommen. Genauso verhalten wir uns. Wenn ein neues Gesetz verabschiedet wird, setzen sich alle Anwälte zusammen, um Löcher zu finden (dies oder jenes wurde nicht definiert,…). Diese Lücken entstehen dadurch, dass es sprachlich greifbar gemacht werden muss. Die Daoisten lachen darüber: Sie sagen: Wenn Du Wörter definierst, mit welchen Wörtern definierst Du die Wörter, die die Wörter definieren?
Gerechtigkeit kann man nicht in Worte fassen (das, was unsere Juristen als „Fairness“ bezeichnen). Wenn sich Juristen über Richter unterhalten, dann hört man, dass sich dieser oder jener Richter stur an das Gesetz hält und ein anderer wiederum Stärker ein Gefühl von Fairness vertritt und er merkt, dass das Gesetz auf einen spezifischen Fall nicht direkt anwendbar ist und einen ausgeprägten Sinn von „fairem Spiel“ hat.
Dies meinen die Chinesen, wenn sie von einem Richter mit einem Gespür von „Lee“ reden. Gerechtigkeit kann nicht erklärt oder niedergeschrieben werden. Jeder Fall und jeder Mensch ist individuell.

Es gibt somit drei Theorien der Natur: Die westliche mechanische Theorie (Natur als etwas künstlich geschaffenes). Die hinduistische Schauspiel-Theorie und die chinesiche organische Theorie (Natur/die Welt – inkl. der Menschen – als ein Organismus. Ein Organismus ist ein System von geordneter Anarchie – es gibt keinen Boss, sondern er existiert dadurch, dass es in Ruhe gelassen wird und ihm erlaubt wird, seine Dinge zu tun). Die chinesischen Philosophen bezeichnen dies als „Wu-Wei“. Nicht „Nichts tun“, sondern nicht in das Entstehen von Ereignissen eingreifen. Nicht dem Lauf entgegenstellen.

Quelle: Alan Watts

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