Quelle unseres linearen Denkens: Unsere partriarchalische Kultur

Unser lineares Kausaldenken ist auch historisch bedingt. Die Menschen zwischen 7000 und 5000 vor Christus, die in Europa lebten waren Sammler und Bauern, die ihre Städte nicht befestigten und keine hierarchischen Unterschiede kannten. Die Felder dieser matristischen Menschen waren nicht unterteilt und es wurden keine Besitzrechte in Anspruch genommen.

Die emotionale Dynamik des Besitzens gab es für diese Menschen nicht. Gegenseitiger Respekt, nicht die unterdrückte Ablehnung der Toleranz oder verdeckte Konkurrenz haben ihre Art des Zusammenlebens geprägt bei der gemeinsamen Bewältigung der vielfältigen Aufgaben, die die Erhaltung der Gemeinschaft stellten.

Das Netzwerk der Konversation war nicht geprägt von Krieg, Kampf, gegenseitiger Ablehnung im Wettbewerbsverhalten, Ausschluss und Inbesitznahme, Autorität und Gehorsam, Macht und Kontrolle, Gut und Böse. Toleranz und Intoleranz und die rationale Rechtfertigung von Aggression und Ausbeutung.

Im Gegenteil, sie war bestimmt von Teilnahme, Solidarität, Zusammenarbeit, Teilen, Verstehen, Übereinstimmung, Respekt und gemeinsamer Inspiration. Das menschliche Leben wurde als Teil eines Netzwerkes von Prozessen gelebt, dessen Harmonie nicht von irgendeinem seiner Einzelmerkmale abhängig war.

Das menschliche Denken muss demnach systemisch (ganzheitlich) gewesen sein und eine Welt hervorgebracht haben, in der nichts, das, was es war, aus sich selbst oder in sich selbst war, sondern in der alles war, was es war, nur in seiner Verbundenheit mit allem anderen. Kinder wuchsen heran, um ein Erwachsener zu werden, in einem Lebensprozess, in dem die Welt zwar immer komplexer wurde, mit neuen Aktivitäten und sich ausweitender Verantwortung, der aber immer in freudvoller Teilhabe an einer Welt bestand, die in jedem ihrer Aspekte als Ganzes gegenwärtig war. Wenn das Kind also zum Erwachsenen heranreifte, erlebte es die kontinuierliche Ausweitung der gleichen Lebensart: Harmonie, Teilhabe, Eingebunden sein in eine Welt und ein Leben, für die er oder sie selbst Verantwortung trug.

Die europäischen matristischen Menschen lebten in totaler Verantwortung. Verantwortlich handeln heißt, sich der Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst zu sein und in der Akzeptanz dieser Konsequenzen zu handeln.

Die vor etwa 6500 Jahren zu uns gekommenen patriarchialen indoeuropäischen Hirtenvölker, die aus dem Osten kamen, zerstörten die matristische Kultur auf brutale Weise. Die Hirtenvölker zogen nicht mehr den „freien“ Tieren hinterher, sondern machten diese zu ihrem Besitz. Sie lernten mit der Zeit, die Herde der Tiere vor den Wölfen zu schützen und den Wolf als Mit-Esser durch Tötung auszuschließen. Als diese Veränderung sich im Emotionieren und Handeln ereignet, muss noch eine andere emotionale Veränderung vor sich gegangen sein, die eine weitere grundlegende Wandlung in der Lebensweise der Gemeinschaft mit sich brachte, nämlich Feindschaft, als den immer wiederkehrenden Wunsch, einen bestimmten anderen zu negieren. Und als Feindschaft entstand, entstand der Feind, und damit wurden die Instrumente der Jagd zu Waffen, denn sie wurden benutzt, den Wolf als einen Feind zu töten. In der Sorge um die in Besitz genommenen Tiere und deren Verteidigung gegen den Wolf, der zum Feind geworden war, ging das Vertrauen in den natürlichen Zusammenhang und die natürliche Harmonie des Seins verloren, und die Gewissheit der Verfügbarkeit des Lebensunterhalts begann zum Gegenstand der Sorge zu werden. Das Bedürfnis nach Sicherheit wurde nun durch die Vergrößerung der Herde befriedigt.

Das patriarchiale Denken ist seinem Wesen nach linear. Es ereignet sich auf einem Hintergrund von Inbesitznahme und Kontrolle, es fließt hauptsächlich auf ein bestimmtes Ereignis hin orientiert und ist blind für die Verbundenheit allen Seins. So ist patriarchales Denken systemisch verantwortungslos. Das ungezügelte Wachstum der Bevölkerung führte zu einem entsprechenden Wachstum der Herden, zum Missbrauch der Weidegründe, zur Ausweitung der eigenen Territorien und musste schließlich zu Konflikten führen, wenn Gemeinschaften aufeinander trafen.

Krieg, Piraterie, Unterdrückung und Sklaverei müssen damit begonnen haben, ebenso wie weitreichende Völkerwanderungen auf der Suche nach neuen natürlichen Reichtümern, die in Besitz genommen werden konnten. Unter diesen Umständen müssen unsere indoeuropäischen Vorfahren nach Europa gekommen sein.

Wenn Inbesitznahme legitim ist, wenn Feindschaft Teil des Emotionierens der Kultur ist, wenn Autorität, Beherrschung und Kontrolle Eigenschaften der Lebensweise einer menschlichen Gemeinschaft sind, dann ist Piraterie natürlich. Wenn Inbesitznahme Teil der natürlichen Lebensweise ist, dann kann alles in Besitz genommen werden, Männer, Frauen, Tiere, Dinge, Länder, Ideen, Überzeugungen,…; und alles kann gewaltsam in Besitz genommen werden, wenn das dazu nötige Emotionieren vorhanden ist, in der gleichen Weise, in der der Wolf ursprünglich ausgeschlossen wurde von seinem legitimen Nahrungszugang zur Herde.

Als die Indoeuropäer Europa eroberten, brachten sie Krieg und eine total andersartige Welt als die, die sie vorfanden. Die patriarchalen Hirtenmenschen waren Eigentümer von Besitztümern und verteidigten ihren Besitz. Sie waren hierarchisch, forderten Gehorsam und Unterwerfung. Die europäischen matristischen Menschen kannten nichts dieser Art.

Die patriarchalen indoeuropäischen Hirtenvölker trafen in ihrer Begegnung mit den europäischen matristischen Menschen auf ihr genaues Gegenteil Diese müssen sie als eine Bedrohung, eine Gefahr für die eigene Existenz und Identität erlebt haben und regelten dies auf die gleiche Art und Weise, in der sie durch die Inbesitznahme der Herde ihre Beziehung zum Wolf geregelt hatten.

Noch heute leben wir gemäß dieser patriarchalen Kultur im Wettbewerb, d.h. wir führen einen Kampf mit dem Ziel der gegenseitigen Ausschaltung. So etablieren wir Hierarchien von Privilegien und behaupten, dass dadurch sozialer Fortschritt gewährleistet würde, weil auf diese Weise die Besten sich auslesen und aufsteigen würden. In unserer patriarchalen Kultur verstehen wir Meinungsverschiedenheiten nicht als an und für sich legitime Situationen, wir müssen einander überzeugen oder korrigieren, und wir tolerieren den Andersartigen nur in der Hoffnung, dass wir sie oder ihn letztendlich doch auf den rechten Weg führen oder eliminieren können, mit der Rechtfertigung, er oder sie sei „nicht richtig“.

Wir beschreiben harmonische Beziehungen als friedlich, d.h. als das Gegenteil von Krieg, so, als ob Krieg die wesentliche menschliche Tätigkeit wäre. Wir sind beherrscht von der Idee der Kontrolle, sprechen ununterbrochen davon, unser Verhalten zu kontrollieren oder unsere Emotionen zu beherrschen und tun viele Dinge um die Natur und das Verhalten anderer Menschen zu kontrollieren.

In unserer patriarchialen Kultur ist Inbesitznahme etwas Selbstverständliches. Wir leben in Inbesitznahme und wir handeln, als ob es legitim wäre, der Mobilität anderer Menschen in bestimmten Handlungsbereichen Grenzen zu setzen, während wir uns selbst die Privilegien der freien Bewegung darin reservieren, und zwar mit dem Anspruch des Besitzrechtes dessen, was wir Naturschätze, Ideen oder die Wahrheit nennen. Wir leben in Misstrauen der Autonomie des anderen Menschen gegenüber und nehmen ständig das Recht in Anspruch zu entscheiden, was für andere Menschen legitim ist oder nicht, in einem ununterbrochenen Versuch, das Leben anderer Menschen zu kontrollieren.

Wir leben hierarchisch in unserer patriarchalen Kultur, verlangen Gehorsam voneinander und behaupten, dass Ordnung im Zusammenleben nicht möglich sei ohne Autorität und Unterordnung, Überlegenheit und Unterlegenheit, Macht und Schwäche oder Unterwerfung. Und nur allzu leicht sind wir bereit, alle Beziehungen zu menschlichen und zu nichtmenschlichen Wesen auf diese Weise zu leben.

Die matristische Lebensweise öffnet einen Raum für Koexistenz, sowohl durch die Annahme der Legitimität aller Lebewesen, als auch durch die Möglichkeit von Vereinbarung und Übereinstimmung. Das Wesen patriarchialer Lebensweise ist es, die Formen des Zusammenlebens einzuschränken durch ein Leben, das bestimmt wird von hierarchischen Vorstellungen und Begriffen wie Herrschaft, Wahrheit und Gehorsam.

Die matristische Lebensweise schließt unser Verständnis für unser Leben und die Natur auf, denn sie bewegt uns zu systemischem (ganzheitlichen) Denken, indem sie uns erlaubt, die Verbundenheit und wechselseitige Enthaltenheit allen Seins zu erfahren und zu sehen. Das Wesen patriarchialer Lebensweise schränkt unser Verständnis für unser Leben und die Natur ein, denn sie verführt uns zur Suche nach eingleisiger Manipulation und Kontrolle.

Maturana behauptet, dass es die Patriarchalität ist, die Aggression und Wettbewerb als Lebensweise hervorbringt.

Ursprünglich ist Demokratie ein vereinbartes Netzwerk von Konversation, ein Netzwerk, das:

  • den Staat als eine Form menschlichen Zusammenlebens in einer Gemeinschaft realisiert, in der keine Personen oder Gruppen von Personen die Angelegenheiten der Gemeinschaft in Besitz nehmen können.
  • Die Aufgabe der Entscheidung über die unterschiedlichen Angelegenheiten des Staates zur direkten oder indirekten Verantwortung all ihrer Bürger macht und das
  • Handlungen koordiniert, die sicherstellen, dass alle Verwaltungsämter des Staates nur zeitlich begrenz vergeben werden, durch einen Prozess öffentlicher Wahlen, an denen jeder Bürger, als einem Akt grundlegender Verantwortung, teilzunehmen hat


Demokratie ist ihrer Konstitution nach eine neomatristische Lebensweise.

Heute haben viele Nationen die Demokratie zu ihrer bevorzugten Regierungsform erklärt. Doch die wirkliche Praxis der Demokratie als einen neomatristischen verantwortlichen Zusammenleben in gegenseitigem Respekt und dem Respekt für die Natur, die ihre Realisierung mit sich bringt, ist noch unerfüllt oder nur teilweise erfüllt in vielen dieser Nationen, aufgrund der direkten oder indirekten Ablehnung demokratischer Regierungsformen, eine lange politische Geschichte hindurch, durch immer wiederkehrende Konversationen der Inbesitznahme, der Hierarchie, der Beherrschung, des Krieges und der Kontrolle.

Wir modernen westlichen Menschen sagen, dass wir den Frieden lieben, leben aber, als ob Konflikte in einem Kampf um Macht gelöst werden könnten. Wir sprechen von Zusammenarbeit und schätzen Wettbewerb. Wir sagen, dass wir der Bereitschaft zu teilen einen hohen Wert beimessen und leben in Inbesitznahme und Ausschließung.

Wir reden von Gleichheit aller Menschen und erklären gleichzeitig Diskriminierung, die nachteilige Behandlung anderer Menschen, für gültig. Wir sagen, dass Gerechtigkeit ein hoher Wert sei, leben aber in Missbrauch und Unredlichkeit. Wir meinen die Wahrheit zu lieben, verleugnen aber, dass wir lügen, um unsere Überlegenheit über andere Menschen sicherzustellen…

Die Rechte der Frauen beginnen, respektiert zu werden. Ist das wirklich so? Wir können sagen, dass die Frauen durch die Frauenbewegung ihre Rechte als vollwertige demokratische Bürgerinnen wiedergewinnen. Aber die schlichte Tatsache, dass die Frauen davon ausgehen, dass sie zu kämpfen und zu streiten haben für das, was sie als ihre Rechte als demokratische Bürgerinnen behaupten wollen, verfestigt nur patriarchale Verhältnisse, denn Patriarchalität ist genau der kulturelle Bereich, in dem Angelegenheiten der Würde und des gegenseitigen Respekts in menschlichen Beziehungen in Begriffen von Rechten und Pflichten gelebt werden, die durch irgendeine Art des sozialen Kampfes gesichert werden müssen.

Wir betrachten Vermehrung und Wachstum als transzendentale Werte und nicht als kulturelle Vorlieben, wir erzeugen Elend um uns, denn wir wollen unbegrenzten Wohlstand durch Inbesitznahme um jeden Preis und behaupten, freies Unternehmertum sei unser Recht.

Wir zerstören und plündern unsere Umwelt, denn in unserem Stolz als Manipulatoren wollen wir sie kontrollieren und ausbeuten, und behaupten, es sei unser Recht, das zu tun, weil wir die intelligentesten Kreaturen auf dieser Erde seien. Wir leben in Spannung und Stress, denn wir wollen im Wettbewerb stehen.
Wir benützen nicht das, was wir tun, als Maßstab für unsere Wert, sondern den anderen Menschen und behaupten, Fortschritt sei ein Wert.

Unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten als menschliche Wesen bestehen nicht, weil wir über ausreichendes Wissen verfügen oder weil es uns an technischen Fertigkeiten mangelt; unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten sind das Ergebnis eines Verlustes an Sensitivität, an Würde, an Selbstrespekt, an Respekt für den anderen Menschen und, im allgemeinen, eines Verlustes des Respekts für das eigene Dasein, eines Verlustes, den wir erleiden durch unser Eingebundensein in die Konventionen der Inbesitznahme, der Macht, der Kontrolle über das Leben und die Natur, die unsere patriarchale Kultur bestimmen.

Demokratie ist ein Kunstwerk, ein bewusst hervorgebrachtes künstliches soziales System, das nur existieren kann durch die absichtsvollen Handlungen, die es in einer menschlichen Gemeinschaft – durch gemeinsame Inspiration – schaffen und erhalten. Ohne Verständnis für die konstitutive Nichtrationalität der Demokratie, die ein Produkt unserer matristischen gemeinsamen sozialen Inspiration ist, haben wir versucht, Demokratie durch Begriffe der Gerechtigkeit und des Rechts zu begründen, die wir aufgrund ihrer rationalen Gültigkeit für universal und zwingend halten.

Als unsere rationalen Argumente versagten, jene zu überzeugen, die nicht schon a priori die wesensmäßig matristischen, nichtrationalen Fundamente der Demokratie akzeptiert hatten, haben wir das einzige getan, das wir in unserer patriarchalen Kultur zu tun verstehen: Wir haben zu den Mitteln der Gewalt gegriffen.

Aber Gewalt hat auch nicht dazu geführt, Demokratie hervorzubringen, und jeder Versuch, Demokratie durch Gewalt entstehen zu lassen, wird notwendigerweise misslingen, denn Gewalt macht den Bereich der Konversation des Vertrauens, des gegenseitigen Respekts und des Selbstrespekts unmöglich, den wir leben, wenn wir demokratisch leben wollen.

In menschlichen Beziehungen bringt es die Ausrichtung auf Produktion und auf Inbesitznahme mit sich, dass wir ständig versuchen, den anderen Menschen zu kontrollieren. In menschlichen Beziehungen hat der Versuch, den anderen Menschen zu kontrollieren, notwendigerweise die Ablehnung des anderen Menschen zu Folge.

Wir fragen ständig nach einem Zweck, nach einer Absicht in unseren Interaktionen und in unseren Beziehungen. Diese Frage wird deutlich in folgenden Redewendungen, die wir menschliche Wesen der westlichen Welt gebrauchen, wenn wir einander begegnen: „Was wollen Sie? – Was kann ich für Sie tun? – Was machen Sie hier?“ Oder in den Rechtfertigungen, die wir anbieten für unsere Handlungen: „Ich wünsche, dass Du das tust, denn… Es ist gut, das zu tun, denn…“.

Wie leben unser Leben gewöhnlich nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft, ausgerichtet auf das, was wir haben wollen, oder in der Vergangenheit, gebunden an das, was wir verloren haben. Das führt dazu, dass wir nur unerfülltes Verlangen und Erwarten oder untröstliche Klage und Enttäuschung sind.

Literaturhinweise hierzu: Humberto Maturana und Alan Watts

3 Gedanken zu “Quelle unseres linearen Denkens: Unsere partriarchalische Kultur

  1. es ist eine hübsche Zusammenstellung der Aussagen von Maturana aus dem Buch Liebe und Spiel. Dieses Buch ist geradezu revolutionär. Die Lektüre hat mir Freude bereitet
    Schade nur, daß der Autor nicht vermerkt ist

    mfG G.Schatz

  2. Danke für den Hinweis! In der Tat habe ich es versäumt, Maturana zu nennen (ausser in den Tags). Alan Watts möchte ich aber der Vollständigkeit habler auch erwähnen.

    H. Fisbeck

  3. Pingback: Herausforderung an unser Bildungssystems – damit wir den Anschluss nicht verpassen | regital

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