Kybernetik 2. Ordnung

Das Denken zweiter Ordnung stellt im Vgl. zur Kybernetik erster Ordnung weniger einen Paradigmenwechsel als eher einen Paradigmensprung dar, denn die Kybernetik erster Ordnung wird nicht ersetzt, sondern durch ein wesentliches Element ergänzt, nämlich den Beobachter.
Das auszeichnende Merkmal der in der Kybernetik erster Ordnung vorherrschenden Sicht der “trivialen Maschine” ist Gehorsam, das der in der Kybernetik zweiter Ordnung im Mittelpunkt stehenden “nicht-trivialen Maschine” Ungehorsam.
Heinz von Förster belegt, dass es letztlich unmöglich ist, das Verhalten der “nicht-trivialen Maschine” mit einer endlichen Anzahl von Tests zu erschließen.

Die Kybernetik erster Ordnung entspricht dem Behaviorismus, der das Prinzip der Objektivität verfolgt, d.h. die Eigenschaften des Beobachters dürfen nicht in die Beschreibung des Beobachteten eingehen.
Die Kybernetik zweiter Ordnung hingegen bietet eine konstruktivistische Perspektive, d.h. der Beobachter und das Beobachtete sind untrennbar miteinander verknüpft, weil sich selbstreferenzielle “nicht-triviale Maschinen” aus dem Rauschen der Umwelt ihre eigene Realität erzeugen.
Heinz von Förster bezeichnet daher die Kybernetik erster Ordnung als Kybernetik von beobachteten Systemen und die Kybernetik zweiter Ordnung als Kybernetik von beobachtenden Systemen.

Es wird das “Humberto Maturana Theorem Nr. 1″ unterstellt: “Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt”. Der Beobachter bedeutet: Es gibt nicht die Realität an sich, sondern nur Sichtweisen von Beobachtern.
Wenn die Anzahl der Elemente, die in einem System oder für ein System als dessen Umwelt zusammengehalten werden müssen, zunimmt, erreicht man schnell eine Schwelle, ab der es nicht mehr möglich ist, jedes Element mit jedem anderen Element in Beziehung zu setzen.

Die Komplexität zwingt zur Selektion. Der Selektionszwang bedeutet Kontingenz, d.h. dass die Selektion jederzeit auch anders möglich ist.
Die Selektion wird gesteuert durch die Struktur des beobachtenden Systems.

Jede Selektion ist demzufolge abhängig von der Struktur des Beobachters, denn unterschiedliche Beobachter werden anders selektieren (d.h. andere Elemente beobachten) und unterschiedliche Beziehungen zwischen den Elementen beobachten.

Unterschiedliche Beobachter werden auch die zu bewältigende Komplexität unterschiedlich wahrnehmen.
Ob das System die für es wichtigen Elemente der Umwelt auf erfolgreiche Weise miteinander verknüpft und die dafür richtigen Beziehungen zwischen den Elementen erstellt, zeigt sich im Laufe der Evolution.
Kontingenz (d.h. die Fähigkeit, auch anders zu selektieren) bedeutet auch gleichzeitig Risiko, denn angesichts einer unbekannten Zukunft kann man nicht wissen, welche Selektion die richtige oder falsche ist.

Kontingenz ist die Grundlage der “Nicht-Trivialität”, denn “nicht-triviale Maschinen” behalten (im Gegensatz zur “trivialen Maschine”) vergangenen Input in ihrem Gedächtnis, und dieser beeinflusst den gegenwärtigen Output. Da der Input in die “nicht-triviale Maschine” vom Beobachter abhängig ist, wird ein Beobachter der “nicht-trivialen Maschine” den Input in diese Maschine anders wahrnehmen als diese Maschine selbst. Folglich kann kein Beobachter einer geschichtsabhängigen Maschine deren Verhalten richtig vorhersagen können.
Der Beobachter bezeichnet also für ihn durch seine Struktur relevante Dinge, indem er sie vom Rest der unendlich komplexen Welt unterscheidet. In dem, was er auswählt, ist er völlig frei, denn als selbstreferenzielle “nicht-trivialen Maschine” bestimmen seine eigenen Operationen, welche Unterscheidungen er trifft.
Mit jeder Beobachtung ist auch gleichzeitig untrennbar ihr eigener blinder Fleck verbunden. Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen. Mit Hilfe der Unterscheidung sieht der Beobachter. Er sieht jedoch nicht, dass er eine Unterscheidung trifft.

Die Beobachtung zweiter Ordnung bezeichnet die Beobachtung eines Beobachters.
Durch die Beobachtung zweiter Ordnung stellt man fest, dass es keine objektive Welt gibt, sondern jeder Beobachter sich seine eigene Welt erschafft.

Der Beobachter zweiter Ordnung sieht somit, wo der blinde Fleck des Beobachters erster Ordnung liegt, indem er fragt, welche Unterscheidung der Beobachter erster Ordnung verwendet.

Der Beobachter zweiter Ordnung kann aus dem, was er sieht, auf sich selbst schließen, denn auch er sieht nicht, was er nicht sieht. Jedoch sieht er, dass er nicht sieht. Somit hat auch die Beobachtung zweiter Ordnung genau wie die Beobachtung erster Ordnung einen blinden Fleck, nämlich den Beobachter und die von ihm unbezeichnete Seite.

Wenn man den Beobachter zweiter Ordnung nun wieder beobachtet, ist dies jedoch nicht eine Beobachtung dritter Ordnung, sondern ebenfalls eine Beobachtung zweiter Ordnung, denn man tut nichts anderes, als einen Beobachter zu beobachten, und sieht eine Unterscheidung.
Die Frage ist also nicht: Was ist die Lösung für mein Problem?, sondern: Wie beobachte ich mein Problem und welche Lösungen leite ich aus meiner Beobachterperspektive ab?
Ein weiteres Merkmal der Kybernetik zweiter Ordnung ist das Konzept der Autopoiese, d.h. eine Organisationsform, mit deren Hilfe Leben aus sich selbst entsteht (Selbsterzeugung). Autopoiese geht somit weiter, als Selbstorganisation, da die Selbstorganisation nicht die Selbsterzeugung voraussetzt, die Selbsterzeugung jedoch die Selbstorganisation umfasst.
Autopoietische Systeme sind operational und informational geschlossen. Ein System erhält seine Autopoiese, es lebt also, in einem Interaktionsbereich (Milieu). Die Interaktion zwischen autopoietischen Systemen oder autopoietischen Systemen und seinem Milieu bezeichnen Maturana und Varela als strukturelle Kopplung, wobei jedes autopoietische System aufgrund seiner Struktur selbst bestimmt, womit es sich strukturell koppelt, d.h. welche Umwelteinflüsse seine Struktur verändern können. Durch die strukturelle Kopplung entwickeln sich also autopoietische Systeme gegenseitig und ihre Milieus ständig weiter (Strukturelles Driften).
Es gibt keine gute oder schlechte Anpassung eines Systems an sein Milieu, denn solange die Autopoiese eines autopoietischen Systems funktioniert, lebt das System und ist somit an sein Milieu angepasst.
Soziale Systeme sind Netzwerke von Interaktionen zwischen Organismen, die diese eingehen mit dem Ziel, die eigene Autopoiese zu erhalten.

Evolution ist nichts, das man zulässt oder fördert. Evolution ermöglicht schon gar keine Zukunftsprognose. Evolution bietet somit eine Erklärung für das Entstehen, den Wandel und den eventuellen Niedergang von komplexen Systemen. Evolution erklärt also letztendlich Strukturveränderungen.
Malik und Probst beschreiben die Steuerung eines Unternehmens bildlich folgendermaßen: “Während uns klar ist, dass wir bei einer Maschine sämtliche Bestandteile und ihr Zusammenwirken bis in die letzte Einzelheit festlegen müssen, um ihr Funktionieren sicherzustellen, wissen wir, dass dies bei der Aufzucht einer Pflanze oder Tieres nicht möglich ist und der Versuch als solcher schon mehr Schaden als Nutzen stiften würde. Wir beschränken uns darauf, die Voraussetzungen und Bedingungen ihrer Entwicklung so gut wie möglich zu gestalten, überlassen im übrigen aber das System seiner inneren Selbstorganisation. Zwar kann man aufgrund dessen nie das sich effektiv ergebende Resultat genau vorhersagen; wir dürfen aber darauf vertrauen, dass das Ergebnis zwar nicht in allen Einzelheiten, wohl aber in den wesentlichen Zügen durchaus unseren Erwartungen entspricht”.

5 Gedanken zu “Kybernetik 2. Ordnung

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