Wissen erhöht Unsicherheit

Wenn wir das Bild von nahe und scharf ansehen, erkennen wir lediglich die rechteckigen Bausteine. Blinzeln wir jedoch, so verschwinden die Teile. Es tritt das Muster des ganzen Gesichtes hervor.

Erst wenn wir die Details aus unserer Sicht entlassen, erblicken wir das Ganze. Ein paradoxes Ergebnis. Während Unschärfe zur Mustererkennung führt, gibt die noch so detaillierte Betrachtung der vorhandenen Quadrate nichts vergleichbares her.

Man kann zwar Anzahl und Größe der Quadrate messen, die Abstufung der Grauwerte bestimmen. Für die Erfassung des Systems ist dies jedoch die falsche wissenschaftliche Methode, die auch nicht “richtiger” wird, dass man sie mit besonderer Akribe betreibt.

Erst wenn wir die Details aus unserer Sicht entlassen, erblicken wir das Ganze. Und hier haben wir die Tragik der exakten Wissenschaften: Je genauer wir etwas zu erfassen versuchen, um so mehr verschwindet das Ganze.

Wir können nie genug wissen, um sichere Schlüsse zu ziehen. Die Suche nach immer mehr und immer genaueren Informationen führt nie zum Zustand der Gewissheit, sondern im Endeffekt nur zur Verwirrung und Handlungsunfähigkeit.

Wissen erzeugt Unwissen. Je mehr wir wissen, desto mehr wissen wir nicht. Man bemerkt, was man alles noch nicht weiß, bekommt das starke Bedürfnis nach noch mehr Wissen, sammelt weitere Informationen, merkt noch mehr, dass man eigentlich fast überhaupt nichts weiß, usw… Dem Nichtwissenden stellt sich die Welt einfach dar.

Wissen erhöht Unsicherheit.
Handeln bei Unsicherheit erzeugt neues Nicht-Wissen.

“Nur der Wahnsinnige ist sich absolut sicher”
(J. Röpke, 2002, S.33)

Weise Menschen sind keine Vielwisser.
Vielwisser sind keine Weisen.

(Lao-tse, Tao-te-ching, 81)

In der Ökonomie sind konkretere Entwicklungen nur für Tage oder maximal Wochen prognostizierbar, aber keinesfalls für Monate oder Jahre. Oftmals wird jedoch noch immer geglaubt, dass Voraussagen getroffen werden können, wenn nur genügend Daten vorliegen.

 

Es werden Jahr für Jahr große Summen für Wachstumsprognosen, Marktentwicklungen, etc. verschwendet.

Man will wissen, welche Ereignisse eintreten und schaut dabei aber von innen nach außen anstatt sich auf das Unternehmen selbst und sein Verhalten zu konzentrieren. Man richtet sich nach dem, was außen geschieht, d.h. was macht die Konkurrenz, wie wird sich der Markt entwickeln, usw. Die Antworten beschafft man sich über “Experten”befragungen, Marktanalysen und Hochrechnungen. Diese Analysen und Szenarios der Zukunft erfolgen dann meist in der Art, dass Qualitäten gleich bleiben und nur die Quantitäten sich ändern (mehr Autos, breitere Straßen, schnellere Flugzeuge etc.). Über sein eigenes Unternehmen erfährt man dadurch nichts und über die anderen Dinge meist auch nichts.

 

Empirische Forschung hat nichts mit Wirklichkeit oder Wahrheit zu tun. Empirisches Wissen ist nur Wissen von der Welt, so wie wir sie erfahren und so wie wir dieses Wissen dann formulieren. Die Fakten, die man herausarbeitet, lassen sich aber nicht im Sinne eines emphatischen Wahrheitsbegriffs interpretieren.

Es setzt sich mittlerweile die Erkenntnis durch, dass man das Herumreiten auf Zahlen und Daten vergessen sollte. Ebenso das Entwickeln von Szenarios, jahrelangen Studien und hundert Seiten lange Berichte. Das alles ist “reine Zeitverschwendung, teuer und überflüssig wie ein Kropf”. Das Thema Strategie ist sehr geradlinig. Man wählt eine ungefähre Richtung und strengt sich dann höllisch an, sie umzusetzen. Natürlich können Theorien interessant und Tabellen und Diagramme schön sein.

Dicke Stapel von PowerPoint-Folien können das Gefühl vermitteln, man hätte ganze Arbeit geleistet.

Aber man sollte das Thema Strategie nicht unnötig verkomplizieren. Je mehr man darüber nachdenkt und sich in Daten und Details verrent, desto tiefer verstrickt man sich und umso weniger weiß man, was man eigentlich tun wollte. Man sollte weniger grübeln und mehr handeln.

Es herrscht in unserer westlichen Welt aufgrund einer lineare Denkweise (welche wir durch das Denken in Fächern und Kategorien schon Kindheit an verinnerlicht bekommen haben) noch immer der Glaube vor, dass die gestiegene Komplexität nur durch noch mehr und genauere Daten und Rechengeschwindigkeit bewältigt werden kann.

2 Gedanken zu “Wissen erhöht Unsicherheit

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