Es gibt keine objektive Wahrheit

Der Ökonom konstruiert die Welt so, wie er sie sieht (andere konstruieren andere) und sie wird dadurch zu seiner normalen Welt. Es entsteht die Logik des „blinden Flecks“. Man sieht nicht, dass man blind ist, für Dinge, die man mit seiner Brille nicht sehen kann, solange man seine Brille aufhat. Es gibt keine objektive Wahrheit, denn dies würde eine beobachterunabhängige Welt voraussetzen. Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt. Jeder Akt der Wahrnehmung beruht notwendig auf den Konstruktionen eines Beobachters – und nicht auf der punktgenauen Übereinstimmung der eigenen Wahrnehmungen mit einer externen „Wirklichkeit“.

 

Die Umwelt, die wir wahrnehmen, ist unsere Erfindung
(Heinz von Förster, 1999, S.25)

Der Begriff der Wahrheit ist ein Chamäleon der Philosophiegeschichte mit einer – je nach Benutzer – immer etwas anderen Färbung. Die Erfahrungen eines jeden Einzelnen, die Kultur, etc. sind entscheidend dafür was und wie etwas wahrgenommen und interpretiert wird.

Wirklichkeitskonstruktion ist somit zahlreichen biologischen, kognitiven, sozialen und kulturellen Bedingungen unterworfen. Man versteht nur das, was jeder einzelne aufgrund der eigenen Geschichte und Biografie verstehen kann. Jede Person sagt, was sie sagt, und hört, was sie hört, gemäß ihrer eigenen Strukturdeterminiertheit; dass etwas gesagt wird, garantiert nicht, dass es auch gehört wird. Alles was wir sehen, hören, riechen, schmecken, denken, fühlen, ist das Ergebnis einer gigantischen Konstruktion unseres Gehirns (etwas, was emergiert, d.h. sich allmählich und auf der Basis von Geschichten und Traditionen herausbildet).

Es ist ein Wunsch der Menschen alles erklären zu wollen. Diese Erklärungsprinzipien sind aber kulturell bedingt und jeweils ganz verschieden. Die Idee der vollständigen Erklärbarkeit ist lediglich eine Hoffnung, die das Staunen befriedigen und beseitigen soll. Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen. Wir sehen nicht den „Raum“ der Welt, sondern wir erleben unser visuelles Feld; wir sehen nicht die „Farben“ der Welt, sondern wir erleben unseren chromatischen Raum.

Jedes Lebewesen nimmt die Welt anders wahr. Zahlreiche Vögel haben ein Farbsystem, das vier Grundfarben umfasst, während beim Menschen drei Grundfarben ausreichen. Sie nehmen etwas wahr, was wir uns nicht vorstellen können. Wer hat Recht? Wir oder die Vögel? Die Antwort heißt: beide. Die verschiedenen Wahrnehmungen erlauben die Fortexistenz von Vogel und Mensch. Wahr ist, was funktioniert.

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