Zählt das originäre Geschäftsmodell noch etwas?
Oder ist alles nur noch Spekulation?
Wenn man sich die riesigen Deals im eCommerce in der jüngeren Vergangenheit ansieht (Zalando, Fab.com,…), dann kommen einem schon so ein paar Gedanken…
Oder ist alles nur noch Spekulation?
Wenn man sich die riesigen Deals im eCommerce in der jüngeren Vergangenheit ansieht (Zalando, Fab.com,…), dann kommen einem schon so ein paar Gedanken…
Da aus meinen Erkenntnissen heraus die Überzeugung gereift ist, dass die Zukunft des Internets offline ist, habe ich mich dazu entschlossen, einen speziellen Blog zu dem Thema “das Web in die reale Welt zu bringen”, aufzusetzen. In der derzeitigen blogosphäre herrscht hier meines Erachtens noch eine große Lücke. Es gibt viele Blogs zum Thema eCommerce, für mCommerce, stationärer Handel oder Katalog-Versand und auch einige für 3D-Druck. Die Verschmelzung von Online- und Offline-Welt aus ganzheitlicher Sicht – insbesondere als Strategie- und Practice-Blog für den Handel fehlt jedoch.
Da es um Online trifft offline geht, also reale und digitale Welt zusammenzubringen, habe ich den Blog regital.de getauft.
Die Themenschwerpunkte werden diese sein, die sich rund um Geschäftsmodelle zu dem Thema – insbesondere aber den Handel betreffen, beschäftigen.
Es geht also um QR-Shopping, Augmented-Reality, 3D-Druck, NFC, DIY,…
Ich würde mich freuen, wenn Ihr Euch auch dort mit mir auf die neue Reise begebt…
Nachdem ich im Januar 2006 erstmals durch die brandeins auf das Thema 3D-Druck aufmerksam wurde, mich auch erste Berichte bei Spiegel-Online sehr begeistert hatten, beschäftigten wir uns auch damals 2006/2007 im e.campus bei Arcandor mit dem Thema und mit möglichen Implikationen und Chancen für Karstadt und die Versender, wie quelle.de.
Nach dem Aus von Arcandor kehrte auch bei mir etwas Ruhe bei dem Thema ein. Durch die nun einkehrende Reife der Drucker für den Heimgebrauch und durch die Entwicklung hin zur nächsten industriellen Revolution (Maker-Gesellschaft) hat das Thema 3D-Druck bei mir wieder eine hohe Aufmerksamkeit erlangt.
Ich habe daher hier eine Sammlung von spannende Fundstücken zum 3D-Druck zusammengestellt (to be continued).
Allgemein:
Zusammenschnitt verschiedener Beispiele aus meiner bchh12-Session
Chris Anderson & Bre Pettis “Maker Movement to New Industrial Revolution”
ZDF-Beitrag “Druck Dir die Welt”
Galileo-Beitrag
Kennenlernen für jedermann in Fab-Labs und Hackerspaces
Gedrucktes:
Der deutsche Fabbster (ca.€1600) druckt eine farbige Vase
Ein Fahrrad, einen echt hübschen Bikini oder Schuhe
Spielsachen wie bspw. ToyStory
Häuser (Contour Crafting)
E-Gitarre, eine Flöte und weitere Musikinstrumente
Medikamente aus dem Drucker oder Impfstoffe per eMail
Leder, Fleisch, Metall, Holz, Sand,
Knochen, Organe, Blutgefäße oder Prothesen
Was wir allerdings nicht brauchen: Waffen - Das US-Militär setzt bereits 3D-Drucker als Nachschubquelle ein.
Drucker für Endverbraucher:
Cube von Cubify – Ein wirklich sehr schicker und stylischer Plug&Play und WLAN 3D-Drucker für zu Hause (für $1.299) – Video von der CES 2012 und noch eins in Action.
Makerbot
Aus Deutschland: Fabbster für ca. €1.600 direkt bei amazon kaufen
Ebenso aus Deutschland der recht bekannte Bausatz RepRap (ca. €800).
Eine Liste der 3D-Drucker
Vorlagen:
Thingiverse
WebSites und Artikel zum Thema:
Gizmodo
EU erkennt Wichtigkeit für Heim-3D-Druck
welch eine gewagte These, möge der eine oder andere zunächst denken.
Aus meiner Sicht bringt jedoch dieses Zitat von Nora Abousteit eine Phase in der Entwicklung von Internet und Gesellschaft auf den Punkt, vor der wir stehen.
Chris Anderson fasst die Geschichte der letzten und kommenden zwei Jahrzehnte in zwei Sätze zusammen:

Lebenszyklus Internet; Quelle: Eigene Darstellung
Maßgeblich wird diese Entwicklung (Zukunft des Internets ist offline) aus meiner Sicht durch zwei zentralen Trends bestimmt:
Früher, im PC-Zeitalter, war man bzgl. Internet örtlich und zeitlich gebunden. Der PC stand fest installiert zu Hause, im Internet-Cafe, im Büro, etc. „Virtuelle Welten“ entstanden und viele Menschen haben sich sogar darin verloren.
Durch die Entwicklung mobiler, internetfähiger Endgeräte, wurde diese Beschränkung aufgehoben – zunächst durch Laptops und in den letzten Jahren sehr stark geprägt durch SmartPhones und Tablets – jeder kennt dies.
Insbesondere das SmartPhone ist ja mittlerweile zu einem ständigen und höchst persönlichen Begleiter geworden, ist immer mit dem Internet verbunden und liegt höchstens 1m von einem entfernt. Unter anderem durch die integrierte Kamera-Technologie verschwimmen physische und virtuelle Welt und somit verschmelzen die Vorzüge beider „Welten“ miteinander.
Physische und virtuelle Welt wachsen somit immer stärker zusammen.
Die Frage wird daher immer mehr sein: Wie kann ich das Internet nutzen, um mein reales bzw. physisches Leben zu vereinfachen oder besser zu machen. Der Kampf der beiden Welten gegeneinander wird immer mehr zu einem Miteinander werden. Stationäre Geschäfte werden bspw. nicht mehr weiter den eCommerce, insbesondere amazon und co. verteufeln, sondern das Internet als Chance be- und ergreifen und Lösungen bieten, welche das „offline“-Einkaufen in Verbindung mit der Internet-Technologie zu einem echten Mehrwert für den Kunden (auch gegen das reine eCommerce-Geschäft) machen.
Internet und physische Welt treffen auch bei dem erst kürzlich im September 2012 bei der TechCrunch Disrupt SF als Gewinner gekührtem StartUp YourMechanic zusammen, bei dem nicht wie in der Vergangenheit eine innovative High-Tech-Idee gekührt wurde, sondern ein StartUp, welches ein „reales/physisches“ Problem löst und Automechaniker und Kunden zusammen bringt. Ähnlich dem ADAC bei Pannen kommen Mechaniker zum Kunden nach Hause oder ins Büro, um vor Ort Werkstattarbeiten, Inspektionen, etc. durchzuführen.
Ein weiterer immer stärker aufkommender Trend ist die DIY-Renaissance. Insbesondere auch junge Menschen wollen immer öfter und immer mehr selber machen – ein Ausdruck der Individualität. Etsy, die Verkaufsplattform von selbst gemachten Dingen, ist ja in den USA ein extrem erfolgreiches Konzept. Jedoch wird man in erster Linie nicht Dinge selbst herstellen, um damit Geld zu verdienen, sondern für einen selbst. Selbst hergestellte Tische, Möbel, Handarbeiten,wie Stricken (siehe hierzu einen sehr schönen aktuellen Artikel in der FAZ), etc. etablieren sich immer mehr. Plattformen um dieses Thema herum, wie bspw. kollabora.com, die Anleitungen und die genau dazu passenden entsprechenden Materialien und Rohstoffe anbieten, werden sicher gute Chancen haben.
Betroffen sind von dieser Entwicklung in erster Linie sicher Unternehmen wie IKEA, die ja eh schon sehr viel handwerkliches Geschick von den Kunden verlangt haben…
Ein wesentlicher Treiber dieser DIY und „Maker-Bewegung“ wird jedoch sicher von der Verbreitung von 3D-Druck einher gehen.
Der Erfolgsautor und Unternehmer Chris Anderson spricht hierbei sogar von der neuen industriellen Revolution. Er beschreibt die Industrielle Entwicklung wie folgt:
Die erste industrielle Revolution war geprägt dadurch, dass Produkte mit maschineller Unterstützung in großen Stückzahlen hergestellt werden konnten. Die zweite industrielle Revolution war geprägt durch die Demokratisierung von Schöpfungs-Werkzeugen, wie Desktop-Druckern sowie durch Tools zur Verbreitung, wie Blogs, Social Media, etc.
Die nun folgende dritte Stufe der industriellen Revolution sieht er in der Veränderung der Werkzeuge und den Verbreitungs-Tools durch Endkundentaugliche 3D-Drucker.
Erste erfolgreiche Gehversuche in dieser Richtung gibt es ja bereits in vielen Bereichen, wie Spielzeug (Lego, Playmobil, etc.), Deko, Ersatzteile (z.B. KFZ-Werkstatt), Werkzeuge, Musikinstrumente und vieles mehr.
Aber auch ganz andere Bereiche, wie Solarzellen, Medikamente (Ausdrucken statt Apotheke) oder Häuser (Contour Crafting).
Mehr zum 3D-Druck in meinem Post hier.
Der oft beschriebene “Prosument” oder “Prosumer” wird Realität – nicht mehr nur im Bereich Open-Innovation, (Mass-) Customization, sondern als echter Produzent/Maker.
Das Urheber- und Patentrecht erreicht somit ganz neue Bereiche…
Die westliche Welt ist in der Wissensgesellschaft angekommen, die Produktion wurde in andere Länder verlagert und es entstehen derzeit zwei Lager. Die einen wollen noch mehr Verlagerung von Produktion ins Ausland und Detutschland etc. zu einem reinen (virtuellen) Wissens-, Service- und Dienstleistungs-Land machen. Die anderen fordern eine Re-Industrialisierung in Deutschland, der EU und den USA.
Hierzu habe ich mir ein paar Gedanken gemacht.
Schauen wir einmal ein wenig zurück:
Warum wurde in den letzten Jahren die Produktion in andere Länder verlagert?
Es waren zum einen handelsrechtliche Beschränkungen (bspw. China mit Import-Kontingenten), Know-How oder Kostengründe. Oftmals haben letztere überwogen.
Die Verlagerung aus Kostengründen konnte ja nur ein temporäres Phänomen sein, wenn die Kostenminimierungs-Karawane immer weiter von Land zu Land gezogen ist. Es ist ja klar, dass in den Ländern, in denen sich Industrie ansiedelt, irgendwann die Produktionskosten steigen, die Arbeitsbedingungen, Löhne, etc. westlichen Standards angeglichen werden, etc., sodass die zusätzlichen Transportkosten, Transportzeiten etc. die immer kleiner werdenden Kosteneinsparungen nicht mehr rechtfertigen.
In den Ländern, in denen in hoher Qualität gefertigt werden kann, sind die Zeiten von Ricardos komperativen Kostenvorteilen längst vorbei.
Zudem hat man sich neue Wettbewerber auf einem hohen Qualitätsniveau herangezüchtet.
Schauen wir einmal auf China: Früher konnten sie nur “billig” und keine hohe Qualität. Heute stellen sie hochwertige Innovations-Produkte (bspw. Apple) in einer Qualität her, die man selbst gar nicht mehr erreichen könnte.
Es entsteht nun langsam in diesen Ländern nicht mehr nur das Produktions-Know-How auf hohem Niveau, sondern auch das Innovations-Know-How, Unternehmertum, etc. Und genau dadurch besteht für die westlichen Länder die Gefahr im „Armenhaus“ zu landen (gegen China kann man auf diesem hohem Niveau nur verlieren) als dadurch, an Re-Industrialisierung auf einem anderen Evolutions- und Entwicklungslevel zu denken.
Länder wie China können mittlerweile Produktion- und Innovation und wollen/müssen irgendwann nicht mehr nur Handlanger der westlichen Länder sein – brauchen uns also gar nicht mehr. Womit verdienen dann aber westliche Länder noch Geld?
Re-Industrialisierung sollte aus meiner Sicht nicht ein Rückschritt zu alten Strukturen sein, sondern Re-Industrialisierung auf einem höheren (Wissens-/Informations- plus Industriegesellschafts-) Niveau.
Meiner Meinung nach wurde das Problem immer größer, indem wir nicht mehr nur die Produktion unserer Routine-/Standard-Produkte in andere Länder ausgelagert hatten, sondern auch die Produktion unserer Zukunftsprodukte und Innovationen. Also die Produktion von Produkten, von denen unsere wirtschaftliche Entwicklung abhängt. Früher wurde erst in späteren Phasen des Produkt-Lebenszyklus (im Effizienzbereich) die Produktion in andere Länder verlagert. Je mehr die Produktion in immer früheren Produktlebenszyklus-Phasen in andere Länder ausgelagert wurde, desto mehr konnten sich die Länder auch Innovations-KnowHow und nicht mehr nur Standardisierungs-KnowHow aneignen und wir haben entsprechend das Produktions-KnowHow von Innovationsgütern verloren.
Produktion von Neuem bedeutet Neues in der Produktion, d.h. Produktionswissen wird zu einem entscheidenden Faktor bei der Herstellung von Innovationen bzw. Neuerungen, die es bislang noch nicht gab. Gerade bei Innovationen sollten wir daher über eine Re-Industrialisierung nachdenken.
Ich finde Aussagen, wie “wir sind eine reine Wissensgesellschaft” daher recht gefährlich.
Im Zuge der Konzentration auf wissensbasierte Leistungen haben wir das Wissen zur Produktion von Innovationen aus der Hand gegeben. Also das Wissen zur Herstellung von neuen Produkten, mit denen man künftig noch Geld verdienen kann und von der die wirtschaftliche Entwicklung abhängt.
Wozu braucht man künftig noch unsere westliche Wissensgesellschaft? China kann es mittlerweile fast ebenso gut – Dinge erfinden, am Markt durchsetzen und produzieren. Die Solar-Branche ist hierfür ein schönes Beispiel: Ein gigantischer Zukunftsmarkt, der noch immer gerade am Anfang der Entwicklung steht und auf Jahre noch enormes neues Wissen verlangen wird – nur wir werden damit kein Geld mehr verdienen (weil wir diese Branche zu früh aus der Hand gegeben haben bzw. geben mussten). Wissensgesellschaft hin oder her – denn dies ist passiert, obwohl Wissen noch auf Jahre in diesem Bereich verlangt werden wird. Die Abschöpfung der Innovationsrendite, die Weiterentwicklung der Technologie, selbst den Verkauf des KnowHows zur Produktion überlassen wir künftig anderen Ländern. Dies ist erst der Anfang einer gefährlichen Entwicklung.
Wenn ich daher von Chancen einer Re-Industrialisierung rede, dann beziehe ich mich im Wesentlichen auf die ersten und frühen Phasen des Produkt-Lebenszyklus, wo Wissensgesellschaft und Produktion zusammenfließen. In späteren Phasen wandert die Produktion dann ab. China, Indien und andere Länder drängen nun jedoch in immer frühere Produkt-Lebenszyklus-Phasen ein und kopieren nicht mehr nur, sondern innovieren mittlerweile auch. Wissen für Innovation und KnowHow zur Produktion fallen dort immer stärker zusammen. Womit wollen wir künftig noch Geld verdienen, wenn niemand mehr unser Wissen benötigt und wir nichts mehr herstellen können? Wir können zwar tolle Sachen erfinden, aber die Länder, die diese Erfindungen für uns produzieren könnten, ziehen entweder das Thema so schnell an sich, dass wir es zu früh aus der Hand geben müssen, oder sie erfinden selbst.
Möchte sich ein Land weiterentwickeln, dann funktioniert dies m.E. nur, wenn man kontinuierliche wirtschaftliche Entwicklung durch Innovation betreibt. Und natürlich auch die Früchte der Innovation ernten kann – und dies bedeutet letztendlich auch Produktion in den ersten Phasen des Produktlebenszyklus.
Ich glaube nicht, dass sich Länder wie China etc. dauerhaft auf Produktion von westlichen Produkten ausruhen werden…
Meine Theorie hierzu ist eigentlich ganz einfach:
Prämisse: Es wird weiterhin Innovationen bei realen Gütern geben.
Situation im 20.Jhd.:
Situation Ende 20./Anfang 21.Jhd.:
Heutige Situation:
Zukunft:
Der KnowHow-Verlust in der westlichen Welt ist längst spürbar. Die deutsche Automobilindustrie beklagte noch vor Kurzem den Fachkräftemangel und dass sie bei der Entwicklung von Elektromotoren nicht weiter kommen, da es zu wenig gute Elektroingenieure in Deutschland gibt. Das KnowHow hierfür ist längst in den emerging Markets.
Es geht für mich nicht um die Zurückholung der Produktion von Routine-Gütern mit den Aspekten Arbeitergesellschaft, Billig-Löhne, Einfache Arbeit, Armut, etc., sondern um das Zurückholen der Produktion von Innovations-Gütern, wofür höchst qualifizierte und sehr gut bezahlte Ingenieure etc. benötigt werden.
Echte Innovationen und Basis-Innovationen können nicht von einfachen Arbeitern hergestellt werden. Die ersten Computer wurden nicht in Billiglohn-Ländern produziert. Das Problem ist nur, dass westliche Länder – und insbesondere Deutschland – seit langem keine echte (Basis-) Innovation mehr hervorgebracht haben – trotz Wissen/Wissensgesellschaft. Mir fällt zumindest kein Beispiel ein… Euch? Vielleicht, weil wir die tollen Ideen gar nicht (mehr) herstellen können…?
Wissensgesellschaft bedeutet für mich, dass man nicht nur mit der Idee eine Volkswirtschaft laufend weiter entwickelt, sondern auch, dass man zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Innovationen und der Produktionsprozess weitestgehend standardisiert wurden, diese in die anderen Länder bringt. Ist ja schön, dass bspw. in Deutschland das mp3-Format, das Faxgerät oder der Kopierer erfunden wurde. Gebracht hat es Deutschland nichts.
Zusammengefasst:
Wissensgesellschaft ist extrem wichtig, aber auch Tüftler, Forscher und Erfinder, die auch Sachen nicht nur auf Papier bringen, sondern auch machen bzw. herstellen können.
Die Herstellung von Neuem ist aus meiner Sicht Teil der Innovation.
Der Produktionsprozess verlangt in dieser frühen Produktlebenszyklus-Phase ein extrem anspruchsvolles Fertigungs-KnowHow und Wissen, bevor es standardisiert, informelles Wissen kodifiziert, weitergegeben und abwandern kann. Die Herstellung von Neuem hat sehr viel mit Tacitknowledge, also informellem Wissen, zu tun, welches nicht einfach niedergeschrieben, übertragen und von Dritten verstanden werden kann. Am Besten kann eine Innovation von demjenigen umgesetzt werden, der sie erfunden hat, weil er sich oft jahrelang damit auseinandergesetzt hat, diese in ihm gereift ist und er am Besten weiß, wie seine Innovation funktionieren und aussehen soll.
Deshalb gehört dies für mich auch zur Wissensgesellschaft. Die Wissensgesellschaft ist für mich somit nicht nur virtuell, Service und Dienstleistung, sondern hält auch Einzug in die Phase der Produktion, wo spezifisches Wissen noch sehr wichtig ist. Produktion von Neuem bedeutet Neues in der Produktion, d.h. Produktionswissen wird zu einem entscheidenden Faktor.

Zwei Themen sollen aber noch angerissen werden:
Zum einen wird Handarbeit etc. wieder „cool“.:

Zum anderen wird das Thema 3D-Druck perspektivisch nicht mehr aus den Haushalten weg zu denken sein und ganze Branchen vernichten bzw. verändern.
“Today’s Maker-Movement is the new industrial Revolution”
Aktuell wird mit “Big Data” die nächste Kuh der Errungenschaft des technischen Fortschritts durchs Dorf getrieben (zum Thema “Messung im eCommerce” habe ich ja vor kurzem schon einmal etwas mit Berührungspunkten zu “Big-Data” geschrieben). Aufgrund der derzeitigen bereits gigantischen Möglichkeiten zur Datensammlung wird an Daten gesammelt und gespeichert, was das Zeug hält und gesammelt werden kann. Grundkonstrukt und theoretische Grundlage ist eine eine fortwährende Extremisierung des technokratischen Managements/Denkens, geprägt durch unser wissenschaftlich – technisches Zeitalter. Alles – also nicht nur Maschinen, sondern auch Menschen, Tiere und Natur – ist nach Bauplänen genau festgelegt und kann entsprechend mit „Reglern“ geplant, gesteuert und vorhergesagt werden. Mensch, Natur und Tiere verändern sich jedoch fortwährend in einem evolutorischen Prozess – aus Babys werden Erwachsene – ganz ohne mechanische Einwirkung und Umbau von Bauplänen. Der Hagen Fisbeck von jetzt ist im nächsten Moment (durch Autopoiesis, extere Einflüsse, Meme, etc.) ein anderer Hagen Fisbeck. Keine Technik der Welt wird diese fortwährende Veränderung vorhersagen können. Selbst nicht in der Kriminalistik zum Erkennen und der Vorhersage von Täter-Profilen. Ebenso wird auch die Wettervorhersage wird immer weiter, trotz immenser Forschungs- und Technologie-Investitionen, im dunkeln tappen. Immer dann, wenn man es mit komplexen-Systemen – also Nicht-Trivialen-Maschinen im Sinne von Heinz von Förster – zu tun hat, ist eine Vorhersage von Verhalten, nicht möglich – selbst nicht, wenn man in Daten erstickt. Hier kommt es ja zudem noch zu einem weiteren Problem. Je mehr man weiss, desto mehr weiss man eigentlich nicht, da man sich in die Tiefe verrennt und das Ganze aus dem Blick verliert.
Hier mal ein paar Punkte, warum ich glaube, dass der Big-Data-Hype – der sicherlich aufgrund der vorherrschenden technokratischen Denke und Technologie-Begeisterung kommen wird – überbewertet wird:
Sicher gibt es Bereiche, wo mathematische Modelle und Daten von Vorteil sein können – insbesondere je trivialer das System ist, mit dem ich mich beschäftige. Daher möchte ich das Thema auch gar nicht verteufeln, sondern nur dafür sensibilisieren, dass man den Daten nicht einfach blind vertraut. Aus meiner Sicht sollte man die Big-Data-Entwicklung immer aus einem gewissen Abstand beobachten und einfach entsprechend die für einen als nützlich erachteten Dinge aus dem Thema herausziehen.
Jeder Mensch ist anders, d.h. denkt anders, hat andere Talente und geht anders an Dinge heran.
Unser Schul- und Bildungssystem versucht noch immer diesen Individualismus zu beseitigen und fertige Lösungen und Lösungswege zu standardisieren und “einzutrichtern”.
Die Kinder werden in eine genau vorgeschriebene Richtung und nach bis ins Detail ausgearbeiteten Lehrplänen, die für alle gleich sind und wo die Lösungswege und Inhalte genau vorgeschrieben sind, zu Einheits-Menschen entwickelt, was dann im Einheits- (alle sind gleich) Abitur seinen Höhepunkt findet.
Alleine das Wort Lehrpläne hört sich schon fast an, wie Baupläne. So wie die “triviale Maschine” bei Heinz von Förster, wo alles genau vorgeschrieben zu funktionieren hat.
Bei einem Auto macht dies sicher Sinn, aber nicht bei einem Menschen und nicht für jemanden, der neue Autos (oder die Nachfolge-Transportmittel) erfinden soll.
Der muß anders und neu denken, neue Wege gehen und vorgegebene Pfade verlassen. Nur so gibt es wirtschaftliche Entwicklung. Die Herausbildung dieser Fähigkeiten muß im Mittelpunkt der Bildung stehen, wenn wir uns weiterentwickeln und nicht beim SatusQuo und in Routine enden wollen – was letztendlich in Armut endet.
Zur Herausbildung von Managern und Verwaltern mag das vielleicht ein gangbarer Weg sein, nicht aber zur Entfaltung unternehmerischer Fähigkeiten und Talente.
Wenn wir ein Land sind, welches durch Denken, Wissen und Innovation lebt, dann muss freies Denken, Kreativität und die eigenständige Erarbeitung von Wissen (mit eigenen Lösungswegen und wo es kein richtig oder falsch gibt) im Mittelpunkt stehen. Die angeborene Neugier und der Entdeckungsdrang muss gefördert, anstatt ausgetrocknet werden.
Wie soll wirtschaftliche Entwicklung und Innovation in einem Land erfolgen, wo die Menschen durch das vereinheitlichte und streng vorgeschriebene Schulsystem zu dem genauen Gegenteil erzogen werden? Einem System, wo freies Denken und Erarbeitung eigener Lösungswege verboten bzw. nicht gewollt ist bzw. nicht in die Lehr”pläne” passt? Innovation und letztendlich wirtschaftliche Entwicklung kann nur von den Menschen kommen, bei denen die Trivialisierung und die Beschneidung des freien Denkens gescheitert ist – also von Menschen, die es entgegen der derzeitigen Bildungspolitik geschafft haben, ihre Kreativität beizubehalten.
Und da jeder Mensch anders ist, muss auch die Herausbildung (und nicht Abtötung) der individuellen Stärken im Mittelpunkt stehen. Ich frage mich zudem warum bspw. durch die NC-Regelung nur Menschen zu einem bestimmten Studium zugelassen werden, bei denen die Trivialisierung am erfolgreichsten war (was anderes sagt die Abiturnote ja nicht aus) und nicht diejenigen, die das größte Talent in dem jeweiligen Bereich haben?
Wer jetzt erwartet hat, ich präsentiere nun die eierlegende Wollmilchformel für eCommerce-Kennzahlen, den muss ich leider enttäuschen – die gibt es nicht…
Ich möchte jedoch ein wenig auf das Thema “Messung”, “Messbarkeit” und “Berechnung” im eCommerce eingehen.
Es heißt ja immer: Durch das Internet wird alles “Messbar”. Richtig ist sicher, dass vieles gemessen werden kann. Das war es dann aber auch schon. Denn genau jetzt fangen die ganzen Probleme an. Es herrscht oftmals (u.a. beim Management aber auch bei Beratern) der Irrglaube vor, dass man jetzt, wo man so viel messen kann, auch mehr Sicherheit bekommt und man quasi sein eCommerce-Geschäft wie eine Maschine mit Reglern steuern kann – ein wenig hier drehen verändert diese Zahl, ein wenig dort eine Andere, usw.
“Berechnung” hört sich immer danach an, dass es eine allgemeingültige Formel oder Modell bzw. Kennzahlensystem als Schablone gibt, die überall angewendet werden kann. Hier ein paar Argumente, die diesem Mythos ein Ende bereiten sollten:
1. Jedes Geschäftsmodell ist individuell und jedes Unternehmen möchte sich (mit Ausnahme der CopyCats) von einem anderen differenzieren. Man braucht also nicht viel Vorstellungskraft, dass somit individuelle Kennzahlensysteme und Berechnungsmodelle notwendig werden. Man kann nicht einfach etwas, was für amazon vielleicht als richtig erachtet wird, auf otto & co. übertragen. Es gibt also keine “Mess- und Interpretationsvorlagen”.
2. Sobald der Faktor “Mensch” ins Spiel kommt, handelt es sich um komplexe (nicht-triviale) Systeme, die analytisch nicht erklär- und berechenbar sind. Es lassen sich sicher ex-post irgendwelche Berechnungen anstellen. Aber welche Bedeutung können die für die Zukunft haben?
3. Hiermit sind wir beim nächsten Problem der subjektiven Interpretation der Daten. Hier entsteht die Kreativität. Entweder man lässt diese von einem Menschen interpretieren und ihn hieraus (subjektiv) Entscheidungen ableiten, oder man überlässt die Aufgabe den durch Menschen entwickelten Maschinen mit durch Menschen entwickelten (und somit subjektiven) Modellen.
4. Und das führt uns zum nächsten Problem, dass ständig neue Bechnungs”wahrheiten” erfunden werden. Mittlerweile ist der Markt voll mit Analyse-Systemen, die unterschiedliche Dinge messen (oder gleiche Dinge anders) oder mit unterschiedlichen Modellen arbeiten. Hier fängt wieder die (subjektive) Qual der Wahl an, welch(e) System(e) man implementiert. Aber damit nicht genug. Diese Systeme sind ja nie fertig. Laufend werden diese weiterentwickelt und bieten einem neue “Wahrheiten”, die dann wieder für eine gewisse Zeit als “Weisheit letzter Schluss” dienen – bis zur nächsten, usw.
5. Aus der Vielzahl von möglichen Daten werden ja immer und von jedem System nur Ausschnitte in Berechnungen mit einbezogen – irgendwann muss man “abschneiden”. Ferner kommen immer mehr Daten in den Datenpool hinzu, die entweder neu “entdeckt” wurden oder durch technologischen Fortschritt möglich werden zu “tracken”. Und auch hier geht es immer weiter… Alle Berechnungen bleiben immer eine Frage der (subjektiven) Definitionen und Abgrenzungen (was beziehe ich ein, was nicht).
6. Womit will man jetzt sein Geschäft steuern? Welches sind die für mein Geschäft wirklich relevanten Daten – und: gelten diese ex-post erhobenen Daten auch für die Zukunft? Welchen Prognose-Modellen will ich glauben, usw.
7. Durch die immer größere Datenflut und Möglichkeiten steigt die Unsicherheit – Wissen führt zu Unwissen. Man kann nie genügend Daten sammeln, um zu mehr Sicherheit zu gelangen – Im Gegenteil. Dadurch, dass mit immer mehr Daten die Komplexität steigt und nicht verringert wird und auch die Anzahl der Möglichkeiten zunimmt (welche Daten beziehe ich mit ein, welche nicht), steigt die Unsicherheit und die Entscheidungsfähigkeit verringert sich. Wie sagte einmal ein weiser Mann: “Nur der Vollidiot ist sich absolut sicher”.
8. Die Zukunft hat noch nicht stattgefunden. Es sind keine Vorhersagen in Nicht-Laborbedingungen möglich. Egal, wieviele Daten man zusammenträgt.
9. Je mehr man sich in die Tiefe der Daten verliert, desto weniger behält man den Überblick für das Ganze
10. Die Welt und die Kaufentscheidungen setzen sich aus rationalen und emotionalen Faktoren zusammen, wobei letztere mit 70-90% weit überwiegen und weder ex-post messbar, noch prognostizierbar sind. Man kann also theoretisch (sofern man alle quantifizierbaren Daten überhaupt messen könnte) ex-post also nur 10-30% der Faktoren, die zu einer Kaufentscheidung geführt haben, erfassen. Inwieweit diese für künftige Kaufentscheidungen eine Relevanz haben ist zudem fraglich. Ein User kauft ja nicht die gleichen Dinge mehrfach (obwohl bspw. amazon dies zu glauben scheint, da ich immer wieder bereits gekaufte Artikel empfohlen bekomme…). Und für andere Kunden gelten wiederum andere Kriterien. Selbst bei Wiederholungskäufen sind die Entscheidungen, die dazu geführt haben, meist unterschiedlich.
Dieser Beitrag soll sicher kein Abgesang auf die Messung im eCommerce sein. Ich möchte jedoch hiermit ein wenig dafür sensibilisieren, dass man einerseits Zahlen nicht einfach blind vertraut und andererseits mit etwas mehr Bewusstsein an das Thema herangeht und sich mehr vor Augen führt, welche Zahlen man für sein spezielles Geschäftsmodell als Kontrollgrößen (ich sage bewußt nicht Steuerungsinstrument) heranzieht und sich ebenso bewußt macht, was man eigentlich wie misst.
Das Thema Personalisierung im Sinne von Individualisierung im Internet ist ja schon ein alter Hut – älter als der eCommerce in Deutschland.
Ich beschäftige mich selbst seit 1998 mit diesem Thema und habe mich auch zu meiner Zeit bei neckermann.de von 2000-2004 intensiv damit befasst.
Daher habe ich hier mal meine Gedanken dazu verfasst.
Die anfängliche Euphorie (die aktuell mal wieder hochschwappt – aktuell im Versandhausberater) ist bei mir jedoch im Laufe der Zeit immer mehr einer Ernüchterung gewichen, da bei mir die Erkenntnis gereift ist, dass das Thema (auch auf absehbare Zeit) weiter heiße Luft bleiben wird – möge es auch immer mal wieder erneut heiß gekocht werden.
Was wir mit all den vielen Verfahren und mathematischen Formeln und Modellen etc. zu betreiben versuchen, ist auch das, wie wir versuchen Wettervorhersagen zu machen (nur dass hier die Entwicklung schon deutlich weiter ist – aufgrund des Zeitvorsprungs, des enormen finanziellen Aufwandes und der gigantischen Wissenschaft dahinter). Dennoch muss man letztendlich auch bei der Wettervorhersage feststellen, dass sie manchmal passt – meist aber noch immer daneben liegt.
Das Problem liegt meiner Meinung nach in der Grundannahme der zugrundeliegenden mathematischen Modelle. Einerseits werden gigantische Datenmengen gesammelt (man kann wird jedoch nie alle nötigen Daten erfassen können, da es immer tief und weiter geht – Wissen erzeugt Unwissen), die Zusammenhänge zwischen den Daten werden nicht verstanden, sondern es wird immer mehr und weiter in die Tiefe spezialisiert.
Andererseits wird unterstellt, dass es sich um berechenbare Phänomene, also um triviale Systeme (Heinz von Förster) handelt und man nur genügend Daten und die richtigen (statistischen) Formeln und Modelle benötigt.
Nun haben wir es jedoch sowohl bei der Natur, als auch beim Menschen mit komplexen Systemen zu tun, die sich zudem auch noch aufgrund der Emergenz tagtäglich – ja sogar minütlich (anders als ein Tisch) – verändern (ganz banal gesagt: Wir lernen laufend dazu). Heinz von Förster hat jedoch ausführlich bewiesen, dass komplexe Systeme (also nichttriviale Systeme) analytisch (also mathematisch – aufgrund der vielen Unbekannten in den nötigen Formeln und dahinterliegenden Modellen) nicht erklärbar sind.
Da es sich also sowohl bei der Natur als auch beim Menschen um komplexe Systeme handelt, liegen wir nicht nur bei der Wettervorhersage meist daneben, sondern werden es auch weiter bei der Personalisierung in Online-Shops (und überall sonst auch) tun.
So wundervoll die Vorstellung von Shopbetreibern etc. auch sein mag, den Kunden über Personalisierung die richtigen Angebote zu unterbreiten, umso größer wird weiterhin die Ernüchterung sein.
Was noch erschwerend hinzu kommt ist die Tatsache, dass Online-Shops noch immer geschlossene autopoietische Systeme sind ohne Verbindung zu anderen Systemen. Eine strukturelle Kopplung zu anderen Systemen, die für eine bessere Datenqualität nötig wäre, ist i.d.R. nicht gegeben (trotz des banalen Versuchs, den Social Graph von Facebook mit zu verarbeiten…). Ansonsten tue ich ja so, als ob ein Mensch kein Leben ausserhalb meines Shops hat. Ich analysiere ja nur Daten meines Shops. Selbst der Online-Shop meines Vertrauens, bei dem ich mich mehrmals pro Woche aufhalte, kennt ja nur einen Bruchteil meines Verhaltens und auch nur das, welches ich bei ihm speziell zeige. Ich lebe und kaufe ja noch woanders. Eine Personalisierung auf dieser Basis muss ja zwangsläufig in die Hose gehen. Selbst ein amazon, die ja Personalisierung im Sinne einer Kunden kauften auch und Bestellhistorien-Analyse mittlerweile seit über 15 Jahren betreiben und hier ja sicher viel gelernt und einen Zeit-, Daten- und Know-How-Vorsprung gegenüber anderen Shops haben, liegt bei mir noch immer kräftig daneben. Obwohl ich ebenfalls seit über 15 Jahren sehr viel und unterschiedliches dort kaufe. Mein Leben ausserhalb eines Shops bleibt den Shop-Betreibern ja verborgen. Bei der Personalisierng möchte man ja nichts anderes tun, als auf Basis von bruchstückhaften Vergangenheitsdaten die Zukunft (meines Kaufverhaltens) vorherzusagen. Die Hintergründe, weshalb ich gerade jetzt den Online-Shop aufsuche und was ich will, kann man jedoch nie vorhersagen. Vielleicht habe ich ja auf dem Bahnhof jemanden mit tollen Schuhen gesehen, die ich jetzt auch haben will. Kein Shop kann mir da mit Personalisierungstechnologien helfen, höchstens bei der Auswahl der richtigen Bestellgröße. Wir werden tagtäglich in unserem Kaufverhalten durch äußere Einflüsse so sehr beeinflusst. Kein Shop der Welt wird mir trotz noch soviel Datensammlung jemals automatisch die richtigen Produkte für meinen künftigen kauf zeigen können.
Eine perfekte Personalisierung ist und bleibt daher aus meiner Sicht unmöglich, da es sich ja bei jedem einzelnen Menschen/Kunden etc. um ein komplexes, sich fortwährend änderndes und nicht vorhersagbares System handelt, jeder Mensch aufgrund seiner Strukturdeterminiertheit anders ist als ein anderer und somit das Lernen aus dem Verhalten eines anderen Individuum nicht gerade erleichtert wird.
Was können wir dennoch machen?
Sicherlich gibt es Möglichkeiten Personalisierung so einzusetzen, dass es besser sein könnte, als gar keine zu haben. Die Frage ist nur, wozu, an welcher Stelle und für wen. Dazu muss man das komplexe System mittels Dialog in die Personalisierung mit einbeziehen, um die Zahl der Unbekannten zu verringern (z.B. beim Fragen nach einem bestimmten Ziel und was einem wichtig ist). Beim Menschen ist dies zum Glück einfacher möglich, als beim Wetter
Von der sprachlichen Barriere mal abgesehen, da ja jeder Mensch Fragen anders interpretiert. Fragt man bspw. ob er beim Joggen Anfänger ist, so entsteht selbst schon bei einer so banalen Frage die Unsicherheit, was unter “Anfänger” und was unter “Joggen” zu verstehen ist, da dies jeder für sich anders intpretiert. Mal davon abgesehen, dass bspw. beim Verkaufen des richtigen Laufschuhs noch so viele spezifische Elemente, wie bspw. Anatomie der Gelenke, Größe, Gewicht, Fußform, Laufstil, Beschaffenheit des Bodens der geplanten Laufstrecke usw. für die personalisierte optimale Schuhempfehlung mit berücksichtigt werden müssten.
Aus meiner Sicht sind für eine einigermaßen taugliche Personalisierung in Online-Shops mindestens folgende 3 Punkte zu erfüllen:
1. Es ist explizite und implizite Personalisierung zu mischen, d.h. der Kunde muss explizit mit einbezogen werden, bspw. durch Fragen (z.B. ob man Fitness lieber drinnen oder draußen macht, alleine oder in einer Gruppe,…) und dann aufgrund des Verhaltens anderer User mit den gleichen Angaben (sofern man hoffentlich eine statistisch aussagekräftige Anzahl zur Verfügung hat) implizit berechnete Empfehlungen ausspuckt.
2. Eine sehr hohe Datenqualität (Attributisierung) der Produkte ist absolut notwendig und wird nicht durch Personalisierung ersetzt. Ein Produkt sollte bspw. wissen, wofür und für wen es geeignet ist (eine Grundladung, um das “Kaltstart-Problem” einigermaßen im Griff zu haben, welches dann durch Algorithmen verstärkt, oder abgeschwächt wird).
3. Strukturelle Kopplung, also die Interaktion zwischen unterschiedlichen autopoietischen Systemen. Sei es zwischen den einzelnen Online-Shops untereinander und/oder weiteren Informationsquellen, wie Wikipedia, Content- und Beratungsseiten, usw. im Internet).
Wie jedoch gesagt. Selbst wenn man obiges mit Bravour erfüllt, so sollte man dennoch keine Wunder erwarten. Ein komplexes System bleibt ein komplexes (nicht-triviales) und somit analytisch nicht erklär- und vorhersehbares System.
Warum ist der klassische Versandhandel so unter Druck geraten und warum werden es auch manche neuen eCommerce-Geschäftsmodelle nicht leicht haben. Um Gedanken dazu soll es in meinem heutigen Beitrag gehen.
Widmen wir uns zunächst einmal dem klassischen Versandhandel, der als Kataloggeschäft gestartet ist und sich unter dem Buzzword Multi-Channel dem Internet-Verkauf gewidmet hat.
Die ersten Gehversuche im Internet waren zunächst Bestellabwicklungs-Modelle, d.h. es wurde ermöglicht, dass der Kunde jetzt neben Telefon und Fax auch im Internet seine Katalogbestellung absetzen konnte. Nach und nach kamen dann weitere Dinge hinzu, die dem Kunden immernoch vor dem Hintergrund der Bestellabwicklung einen Mehrwert liefern sollten. So wurden beispielsweise Produktbilder, Beschreibungstexte und Verfügbarkeiten in die Online-Shops integriert, Warenkorb und Bezahlfunktionalitäten sowie eine Anbindung an die Versandsysteme haben die zunächst manuelle Bestellung per automatischer E-Mail ersetzt, damit die Bestellungen automatisch in die bestehenden Prozesse einlaufen konnten. Man war dann irgendwann stolz, als man das gesamte Katalogsortiment online hatte. Online orientierte sich an den Katalogzyklen, da die gesamten Unternehmensprozesse darauf ausgelegt waren – inkl. Wareneinkauf, Fotoreisen, Katalogerstellungs- und Gestaltungszeiträume, Anstoßkettenplanung usw.
Damit sich ein Katalog rechnete, war eine gewisse Kataloglaufzeit unabdingbar.
Wichtig zu erwähnen ist aber, dass der Kunde zu dem Zeitpunkt seiner Online-Bestellung durch die Katalog-Aktivierung schon wusste, welche Produkte er kaufen möchte, denn Online hatte ja die reine Bestellabwicklungsfunktion. Die Kaufentscheidung auszulösen war Aufgabe des Kataloges – egal ob Bedarfsdeckung (ich weiss, was ich will) oder Bedarfsweckung durch Aktivierung des Stöberns, der Inspiration und der Impulskaufentscheidungen. Heutige Online-Shops sind daher noch immer so strukturiert, um eine reine Bestellabwicklung dem Kunden so einfach wie möglich zu machen – ob durch Navigationsstrukturen oder Suchfunktionalitäten. Wenn ich bspw. in einem Shop bei der Suche nach Digitalkameras nach der Auflösung filtern kann, so wird ja vorausgesetzt, dass ich bereits weiß, welche Auflösung ich haben möchte. Die Meisten Shop-Funktionalitäten sind noch immer so ausgerichtet, dem Kunden das Auffinden des gesuchten Produktes (inkl. Anzeige von Alternativen) sowie die Bestellabwicklung so einfach wie möglich zu machen.
Sich dies zu vergegenwärtigen ist wichtig, um zu verstehen, wie eCommerce bei den klassischen Händlern entstanden ist, aber auch, wie Standardtechnologien entstanden sind und wie eCommerce meist noch immer funktioniert. Vor dem Hintergrund der reinen Bestellabwicklungsfunktion macht es natürlich Sinn, vieles zu standardisieren und Prozessmäßig zu optimieren.
Einige Händler – und dazu gehört auch Neckermann – haben versucht, sich aus dieser reinen Transaktionsorientierung zu befreien und online einen eigenen USP und ein eigenes Profil aufzubauen. Hierfür wurden zahlreiche Beratungsmodule integriert (nicht direkt Produktbezogene emotionale Videos, Virtuelles Model, Farb-/Typberatung mit Anzeige passender Produkte, ja sogar eine eigene Erlebniswelt, um beim Kunden soetwas wie Begeisterung und emotionale Bindung zu wecken). Auf Basis einer eigenentwickelten Shop-Technologie (wie es aktuell alle erfolgreichen reinen Online-Shops, wie amazon, ebay oder auch zalando haben) konnte dem User somit online ein neuartiger Mehrwert geboten werden, der über die reine Transaktions- bzw. Bestellabwicklungsfunktion hinaus geht.
Das Problem bei solchen an die emotionale Ebene eines Kunden gerichteten Maßnahmen ist, dass man sie schlecht oder meist gar nicht messen kann.
Da sich jedoch insbesondere im eCommerce die Meinung verbreitet hat, dass man auf Basis der immanenten Messbarkeit der Abläufe und ausgeführten Verhaltensweisen das Online-Geschäft rein zahlenorientiert steuern könnte, wurde alles nicht Messbare eliminiert (ausgeblendet wird, dass es noch andere Faktoren gibt, die überhaupt erst zu der Kaufentscheidung beitragen). Andere Shops haben erst gar nicht mit nicht Messbaren Dingen angefangen und gleich einfach nur ihre Produkte in ihren Standard-Shop geklatscht.
Man vergaß aber dabei sich zu vergegenwärtigen, dass all das, was emotionale Werte beim Kunden auslöst und somit alles, was zu einem eigenständigen Profil und Differenzierung beiträgt und somit nicht leicht kopierbar ist (sonst wäre die Differenzierung ja schnell dahin) im Wesentlichen auf den gerade Nicht-Messbaren qualitativen und emotionalen Kriterien beruht und auch nicht standardisierbar ist.
Wären rein messbare Kriterien und technologische Funktionalitäten erfolgsentscheidend, dann könnte Microsoft ja schnell Apple kopieren oder Bing könnte Google den Rang ablaufen, oder Otto amazon. Man müsste einfach nur 1:1 kopieren und ggf. mehr Marketing-Geld in die Hand nehmen. Fertig. Aber so einfach ist es nicht. Würde Microsoft alles Sichtbare und Messbare und somit quantifizierbare von Apple kopieren, so würden sie noch immer nicht einen Apple-Fan dazu zu bringen, jetzt einen Windows-PC zu kaufen.
Insofern ist der Segen der Messbarkeit von (Kauf-)Verhaltensprozessen von Usern im Internet und der damit einhergehenden Steuerung durch Kennzahlen auch gleichzeitig deren Fluch, da viele Unternehmen beginnen, das Hirn auszuschalten und sich nur noch auf Zahlen und Messbarkeit konzentrieren, aber nicht darauf, warum Kaufentscheidungen im Gehirn des Kunden überhaupt erst entstehen und warum sich Kunden zu einem Unternehmen mehr hingezogen fühlen als zu einem anderen. Es wird ausgeblendet wie man beim Kunden immer wieder Begeisterung auslösen kann und gerade die emotionalen Punkte, die beim Nutzer letztendlich u.a. Bedarfsweckung und Impulskäufe generieren ansprechen kann.
Diese reine Zahlenorientierung ist ein Relikt der noch immer herrschenden neoklassischen Optimierungs- und Effizienz-Theorie der BWL, der viele Manager/Verwalter und Routine-Orientierte Menschen nacheifern. Unternehmer ticken jedoch anders. Es besteht noch immer ein Wettlauf dahingehend, wer sich neue Modelle und Messkriterien ausgedacht hat. eCommerce läuft heute noch immer ganz im Sinne der „trivialen Maschine“ (Heinz von Förster) ab. Abweichler – und dazu gehörte eine Zeit lang auch Neckermann – wurden zurück trivialisiert (bei der Umstellung auf die Standard-Software wurden dem Kunden über 150 differenzierende Funktionalitäten genommen, da diese nicht im Standard vorhanden waren (gar nicht sein konnten, da sie ja sonst nicht differenzierend vom Wettbewerb wären
)
Die Welt ist jedoch einem ständigen Wandel unterworfen und dass somit die Zukunft anders sein wird als die Gegenwart ist klar.
Insofern heißt das für Unternehmen, dass sich die gesamte Organisation und somit auch Bereiche, Positionen, Qualifikationen ständig verändern und sich somit auch Mitarbeiter einem ständigen Wandel und der Weiterentwicklung unterziehen müssen. Das bedeutet aber auch, dass bestimmte Positionen und Unternehmensbereiche irgendwann überfüssig werden.
Die Situation ist im Prinzip ganz einfach:
Entweder man betreibt die schöpferische Zerstörung (Schumpeter) der eigenen Produkte oder Geschäftsmodelle selbst, oder man überlässt es Dritten. Der Wandel kommt so oder so. Es ist nur die Frage, ob ich ihn selbst aktiv gestalte, oder die Gestaltung anderen überlasse, dadurch immer Nachläufer bin und irgendwann nicht mehr Schritt halten kann.
In sich schnell wandelnden Märkten, wozu der Handel im Allgemeinen und der technologiegetriebenen eCommerce im Speziellen zählt, sollte man möglichst derjenige sein, der den Takt vorgibt, da dies einen enormen Zeit- (und somit Kundenbindungs- und auch Profit-) Vorsprung gegenüber den Lemmingen bedeutet. Hierbei bleibt keine Zeit für neoklassisches Optimierungs- und Effizienz-Management der klassischen BWL. MBA/Management/Verwaltung/Routine hat hier nichts zu suchen. Effektivität und fortwährender Wandel ist oberstes Gebot.
Man kann sich nicht auf dem Bestehenden ausruhen und Routine einkehren lassen und hier und da ein wenig optimieren. Das war einmal – bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Schokoladen-Markt – ich denke da an Kinderschokolade).
Auch Standard-Technologien sind hier fehl am Platz, da sie einem Differenzierungspotential, Zeit, Flexibilität und das “aktive Selbst in die Hand und Gestalten der Märkte” nehmen. Insofern muss man sich in allen Unternehmensbereichen flexibel halten.
Bereits von Laotse haben wir gelernt, dass das, was auf dem Weg zählt, die Fähigkeit zum Wandel ist:
Weich und zart ist der Mensch bei seiner Geburt,
starr und knöchern, wenn er stirbt.
Fein und biegsam sind die Pflanzen, wenn sie entstehen,
hart und saftlos, wenn sie absterben.
Dies bedeutet nicht nur Flexibilität und fortwährender Wandel, sondern auch stetiges Lernen und Weiterentwicklung – Der gesamten Organisation! Ich sage bewusst Entwicklung, NICHT Wachstum! Ist Wachstum oberstes Gebot (könnte man in dem Fall einem Finanzinvestor wie Sun unterstellen – kenne aber hier keine Details), steht man irgendwann blöd da.
Leider heißt das aber auch: Wie lange kann ich es mir erlauben, eigentlich schon schöpferisch zerstörte Unternehmensbereiche (inkl. deren Mitarbeiter) durchzuschleppen, was u.a. Neckermann und die anderen klassischen Versandhändler versucht haben bzw. die noch übriggebliebenen noch immer versuchen. Beziehungsweise: Gelingt es mir, die Mitarbeiter sugzessive immer wieder in diesem evolutorischen Prozess der Entwicklung des gesamten Unternehmens bzw. des sozialen Systems mit einzubeziehen und “mitzunehmen”, was aber nur gelingt, wenn man als lernender (evolutorischer) Unternehmer denkt und somit den Wandel im Unternehmen fortwährend, also stetig und evolutorisch betreibt was auch bedeutet, dass man alte Bereiche langsam absterben lässt (damit man es nicht irgendwann radikal eh machen muss).
Es funktioniert nicht, wenn man den alten Bereich einfach bestehen lässt und einen vollkommen neuen zukuntforientierten daneben aufbaut, die Mitarbeiter aus den alten Bereichen aber nicht langsam in die neuen überführt und somit nach und nach die alten Bereiche abbaut. Der Konflikt und das Problem ist vorprogrammiert. Es kommt so zwangsläufig irgendwann zu einer Situation, dass dann auf einmal ein nicht mehr weiter zu haltender veralteter und schöpferisch zerstörter Bereich da steht und eine Vielzahl von Mitarbeitern entlassen werden müssen.
Diese Situationen kommen ja nicht von heute auf morgen, sondern sind immer und überall absehbare, evolutorisch und einem fortwährenden Wandel geschuldete Geschehnisse – in jedem Unternehmen, in allen Märkten (in manchen etwas langsamer als in anderen) und zu jeder Zeit.
Langsam rächt sich, was man in der Vergangenheit – beim Übergang vom Katalog- zum Online-Shopping – versäumt hat. Die klassischen Versandhändler scheitern der Reihe nach, da sie einfach aus der ursprünglichen Bestellabwicklungsfunktion des Internets abgeleitet noch immer einfach ihre Produkte ins Netz klatschen und sich nicht weiterentwickelt, sondern lediglich die Prozesse optimiert haben. Beim Übergang zum Online-Shopping hätte sich das Online-Shopping von der reinen Bestellabwicklungs- und Transaktionsfunktion frühzeitig emanzipieren und weiterentwickeln müssen. Wobei viele Händler dieses Versäumnis sich bis heute nicht eingestehen wollen und diese Behauptung sicher weit von sich weisen.
Zu Zeiten des Katalogblätterns/Stöbern konnte man, als die Kunden das noch gemacht haben, wenigstens Impulskäufe generieren und somit den größeren Anteil des Umsatzes (den Bedarfsweckungsumsatz) erzielen (Club-Shopping aber auch Teleshopping sowie die Aktionswochen bei Aldi und Tchibo funktioniert bspw. fast ausschließlich nach diesem Prinzip indem sie verkaufen, was zu Spontankäufen animiert und die Leute Dinge kaufen, von denen sie vorher noch nicht wussten, dass sie sie brauchen oder kaufen werden). Die Menschen haben ja fast alles, was sie brauchen. Spannend ist somit doch der zusätzliche Bereich, d.h. die Kunden dazu zu bewegen, nicht nur ihren Ersatzbedarf zu decken (was dann meist Preisorientiert funktioniert), sondern eben genau die User dazu zu bewegen etwas zu kaufen, von dem sie vorher noch nicht wussten, dass sie es brauchen. Heute ist jeder Kunde online und keiner will mehr im Katalog blättern. Die ursprüngliche Katalog-Funktion wurde bislang von keinem klassischen Versandhändler adäquat onlinefähig gemacht. Fast kein Online-Shop lädt noch immer zum Stöbern ein. Die Onlineshops (insbes. der klassischen Versandhändler) sind noch immer meist nichts weiter als reine Transaktionsplattformen – ohne USP, ohne Profil, somit ohne Marke und Fans. Die Kunden müssen weiterhin schon wissen, was sie brauchen – reine Bedarfsdeckung. Bei solch einer Strategie zählt nur noch das Marketing-Budget, der Preis und Rabatt – insbesondere, wenn man (besonders als Plattform) nur das hat, was andere auch haben. Da hilft auch kein Tagesschnäppchen, um damit Impulskäufe generieren zu wollen. Man ist austauschbar und eigentlich überflüssig…
Daher bin ich auch seit langem der festen Überzeugung, dass reine Transaktionsplattformen keine auf Dauer funktionierende Konzepte bzw. Geschäftsmodelle sind. Das Problem an der Sache ist jedoch, dass sich neuere Konzepte in Deutschland bei der Finanzierung schwer tun, da VCs in der Regel auch meist an Messbarkeit und rein triviale Transaktionskonzepte glauben.
Ausgangslage ist eigentlich ein alter Hut: Die Märkte sind gesättigt
Es geht daher um die schon alte Floskel Bedarfsdeckung anstatt Bedarfsdeckung, aber noch immer betreibt fast jeder Shop nur Bedarfsdeckung.
Handel (egal ob online oder offline) funktioniert ja seit einigen Jahren eher durch Bedarfsweckung: Haben-Will-Faktor, Impulskäufe, Kaufen, was man eigentlich nicht braucht, etc. Online-Shops, Plattformen etc. mit Zukunft sollten sich daher darauf konzentrieren, da es hier das höchste Maß an Differenzierungsmöglichkeiten, Aufbau von Wettbewerbshürden und dem Entzug von Preisdruck gibt.
Aktuell erfolgreiche Geschäftsmodelle im Club- und Live-Shopping-Bereich nutzen dies ja, jedoch nur mit dem alleinigen Fokus auf „Preis“. Spezialversender waren auch erfolgreich, wenn sie sich einem bestimmten Thema gewidmet haben – kommen aber auch immer mehr in Schwierigkeiten, wenn Transaktionsorientierung und nicht Markenbildung und Kundenbindung im Mittelpunkt steht.
Fast alle Online-Shops sind derzeit noch immer Bedarfsdeckungs-Shops, d.h. reine Transaktionsshops. Wenn der Kunde bereits weiss, was er will (Ersatzbedarf oder konkreter Bedarf), dann kauft er dort, wo er bislang gute Erfahrungen gemacht hat und weiss, dass es dort zudem einigermaßen preiswert ist: The amazon-Way.
In diesem Bereich gibt es nicht viel Platz für transaktionsorientierte Händler bzw. Plattformen, denn die Differenzierungsmöglichkeiten sind begrenzt. Zudem ist dieses Segment extrem wettbewerbsintensiv (einfach und schnell kopierbar) und preisaggressiv. Kaufentscheidungen laufen hier zudem meist rational ab.
Bedarfsweckungsshops hingegen sind eigene Marken bzw. Storebrands, die nicht rein transaktionsorientiert agieren. Es geht um Inszenierung der Produkte sowie die damit verbundene Story, um den Need-Faktor zu stärken: “Wow, das brauche ich und will es sofort haben”. Es geht weniger um gezieltes Kaufen (Nicht: Ich brauche einen Topf und schaue deshalb mal bei Quelle, Otto oder Neckermann vorbei), sondern: „Eigentlich habe ich ja noch ein funktionierendes iPhone, aber dieses Neue brauche ich umbedingt“: The Apple-Way
Verkaufsfördernde Dinge, wie künstliche Verknappung, Preisreduzierungen etc. sind hier nicht die wirklichen Verkaufsargumente (sollten auch in Bezug auf die Markenbildung auch nur ganz gezielt eingesetzt werden), sondern wirken hier „lediglich“ als Verstärker. Kernelement und Kompetenz ist die Umsetzung des “das brauche ich”-Faktors. Bei diesen Kaufentscheidungen steht die emotionale Komponente im Vordergrund. Es geht verstärkt um Story-Telling und nicht direkt verkaufen.
Im Prinzip möchte ich Euch heute eigentlich nichts Neues erzählen, denn ich habe vieles von dem auch schon hier oder woanders vor vielen Jahren schon einmal gesagt und geschrieben. Auch dmc hat mit ihrem LOPE-Konzept das Thema in Teilen dann nochmal recht schön aufbereitet, worum es in der eCommerce Zukunft gehen wird.
Dennoch ist mir das Thema zu wichtig, weshalb ich es mal wieder – vielleicht unter einem anderen Blickwinkel – aufgreifen möchte.
Es geht um das Thema Markenorientierung vs. Transaktionsorientierung im eCommerce.
Die ersten eCommerce Jahre waren (bis auf ein paar Ausnahmen) dadurch geprägt, Produkte über das Netz kaufbar zu machen. Also rein bestell-/kaufabwicklungs- bzw. transaktionsorientiert vorzugehen.
Produkte rein, vielleicht noch die eine oder andere nette Funktion zum navigieren, suchen und filtern dazu. Dann noch ein Angebots-Bapperl hier und ein versandkostenfrei dort – fertig. Auch VCs denken heute oft tatsächlich auch noch immer in dieser Schiene oder in Richtung Copy-Cats ohne eigene Seele und Profil.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass man diese Spezies von Online-Shops noch immer fast an jeder Ecke bzw. hinter jedem Link auffindet. Aber auch die meisten neuen Player im Markt sowie insbesondere auch die (noch) ganz großen etablierten Player im eCommerce – von amazon bis Zalando – folgen diesem althergebrachten “Kauf Du Sau” – Transaktons-Konzept. Und wenn Du lieber Kunde doch nicht kaufen willst, dann gibt es halt noch den kostenlosen Versand, den Gutscheincode, das Super-Schnäppchen-, den Exklusiv-Rabatt und das Gewinnspiel obendrauf.
Was ist passiert? Jetzt haben wir mittlerweile diese gigantische Produktfülle und Undurchschaubarkeit im Netz etabliert – und jetzt? what’s next? Alle bieten alles versandkostenfrei, mit Super-Sonder-Schnäppchen Hastenichtgesehen-Rabatt oder nur für einen Live-Shopping-Tag lang bzw. nur für eine elitäre Club-Shopping-Gruppe hinter verschlossenem Login, oder einfach die Preisschraube noch etwas drehen und die Lieferanten drücken, usw. Tolle Strategie?
Frage: Hilft das wirklich auf Dauer? Macht mich das alles, was ich da so treibe, wirklich so stark? Verbaue ich mir damit nicht meine Online-Zukunft?
Warum sollte ein Kunde gerade bei mir kaufen und nicht woanders? Glaubt man, es bleibt am Ende kein Händler neben einem selbst mehr übrig und man kann machen, was man will? Die Frage ist doch eher: Braucht man mich als Händler überhaupt irgendwann noch? Warum sollte jemand auf Marktplatz quelle.de, mein-paket.de, plus.de, karstadt.de, neckermann.de und usw.de kaufen, wenn es das auch alles zu mindestens dem gleichen Preis oder günstiger auch bei amazon gibt? Wieviele Marktplätze oder transaktionsorientierte Händler verkraftet bzw. braucht der Markt? Braucht er überhaupt einen?
Der eine Händler versucht seinen speziellen Sortimentsbereich mit immenser Marketing-Power abzuschotten, um sich so zu retten in der vielleicht berechtigten Hoffnung, dass er später, wenn er Top-Of-Mind z.B. beim Thema Schuhe ist es sich keiner mehr leisten kann hier anzugreifen und er hier entsprechend weniger ausgeben muss. Aber: Wie lange hält das wirklich an? Binde ich damit die Kunden wirklich an mich bzw. meine “Marke” (habe ich eigentlich eine?) oder binde ich sie nur an eine Produktgruppe, wie bspw. Schuhe? Ist so wirklich eine Storebrand entstanden? Wird auf diesem Weg so einfach bspw. aus einem Zalando ein Zappos? Geht es nicht doch um mehr, als einfach nur möglichst viele Produkte (von mir aus auch in einem speziellen Segment) in den Online-Shop zu pusten? Ist das wirklich alles, oder braucht ein zukunftsorientiertes Shop-Konzept nicht von Beginn an etwas anderes, um eine wirkliche Storebrand aufzubauen, die den Kunden das Zugehörigkeitsgefühl vermittelt, ihm das Besondere gibt, ihn zu einem echten Fan macht, oder reicht es, ihn einfach nur mit einer großen Produktvielfalt und den „Billig-Billig und noch mehr gespart Preisen“ zu “beglücken”?
Um auch dauerhaft eine Daseinsberechtigung zu etablieren und auch gegen andere, die vielleicht noch mehr Werbegeld in die Vermarkter-Landschaft pusten geschützt zu sein, ist es meiner Meinung nach unerlässlich, von Beginn an an das Thema Markenbildung zu denken. Ist man kein Hersteller, sondern “nur” Händler, wo die Wettbewerbshürden sicher geringer sind, dann ist hier die “Storebrand” als Synonym zu verstehen.
Wieviele Online-Storebrands kennst Du… (…wirklich)? Denk nochmal nach… sind die, an die Du denkst wirklich eine “Brand”? Welche Bindung bzw. Beziehung hast Du zu der Marke? Ist es wirklich mehr, als nur das (ggf. irgendwann austauschbare) Produktangebot?
Zu was eine Überbewertung und die Hoffnung, dass man eine “Marke” sei führen kann, erleben wir aktuell ja bei der neuen Quelle. Hier hatte man auch auf die Strahlkraft der “etablierten” “Marke” und den Bekanntheitsgrad gesetzt. Aber: War/Ist Quelle wirklich eine Marke – und insbesondere Online? Oder ist und war sie in Wirklichkeit nicht doch nur eine Transaktionsplattform? Im Kataloggeschäft war der Wettbewerb gering – da hatte man nur wenige Kataloge daheim. Die “Katalogstrahlkraft” auf den Kauf Online war sicher da. Zudem kamen noch exklusive Sortimente oder B-Marken, die ggf. noch als Eigensortiment durchgingen. Aber wo sind die Begeisterungsfaktoren, die Mehrwerte, das Storytelling, der Joy of Use und überhaupt das Thema die Kunden zu Evangelisten zu machen?
Damit die Shopanbieter aber auch gleich noch ihr Fett weg bekommen noch ein kleiner Exkurs:
Exkurs:
Wo stehen wir denn heute hinsichtlich Shop-Systemen? Wo sind endlich die technologischen Voraussetzungen, damit ich überhaupt online eine wirkliche Marke aufbauen kann?
Wenn man sich so in der Shop-System-Landschaft umschaut, dann stellt sich ziemlich schnell Ernüchterung ein! Im Prinzip kann man eigentlich nix von der Stange nehmen – von den reinen Standard-Shops ganz zu schweigen. In den vielen Jahren, in denen ich den Markt nun kenne, ist hier nichts bahnbrechendes in dieser Richtung passiert. Es ging immer nur um Verkaufs-Featureritis, aber quasi um nichts, was einem wirklichen Storebranding entgegenkommen würde.
Egal wo man hin schaut: Fast überall nur “Transaktionssysteme” mit dem einen oder anderen Goodie, der die Transaktion vielleicht etwas erleichtert – Aber: Nix mit Customer-Engagement und -Involvement, vernünftigem Content-Management für editorial Commerce und kaum Möglichkeiten zur echten Markenbildung: Alles Fehlanzeige.
Also was bleibt? Selber bauen… Aber: Teuer… Aber das ist dann auch das, was die wirklichen “Storebrands” letztendlich auch gemacht haben und bis heute machen. Es ist sicher auch nicht leicht, den schwierigen Weg zwischen Standard und eben nicht Standard bzw. Austauschbarkeit meines Shops vs. Nicht-Austauschbarkeit bei gleichzeitiger Beibehaltung der Releasefähigkeit zu gehen…
Vielleicht liegt es auch daran, dass es dafür keine fertige Checkliste oder Funktionsliste, geschweige denn Standard-Marken-Aufbauformel geben kann, denn die Marke lebt ja von der Differenzierung.
Aber was sagen einem die Techniker und Shop-Dienstleister immer so schön: Technisch ist alles machbar… Dann macht bitte mal ![]()
Exkurs Ende.
Dieses Thema hier fällt sicher online stärker ins Gewicht, als offline. Man nimmt mangels Verfügbarkeit stationär zwangsläufig halt den Anbieter, der da ist. Das Problem hat man als Kunde zwar online nicht, aber es hat insofern eine Relevanz für das Online-Geschäft, wenn man mit seinem Stationär- oder Kataloggeschäft dann neudeutsch “Multichannel” gehen möchte und seine Offline-Produkte dann in den Online-Shop klatscht. Dann kommt vielleicht noch das Thema Crossmediale Werbepower dazu – denn mein Kunde soll ja den für mich vermeintlich billigeren Transaktionsweg Internet nutzen. Fertig.
Wirklich fertig? Wenn ich bereits stationär verstanden habe, dass ich (wie bspw. Globetrotter) mehr bin als eine offline-Transaktionsplattform (wie bspw. Karstadt oder Görtz), sondern eher eine Storebrand bin und sein möchte, dann versuche ich das Markenerlebnis auch auf allen “Kanälen” zu spielen und mir wird nicht der Fehler unterlaufen, mich online als reine Kaufplattform zu präsentieren.
Vielleicht liegt es aber auch an den Unternehmer-Mentalitäten im eCommerce – Echte Unternehmer (im Sinne Schumpeters) bauen Storebrands, Manager Transaktionsplattformen.
Nicht falsch verstehen: Verkaufen muss eine Storebrand natürlich auch können – Transaktionsprozesse und alles, was “gute” Transaktionsshops aus funktionaler Sicht auszeichnet, sind sozusagen Basics und notwendige Bedingung. Es geht um das oben drauf (und da kann es dann auch mal eine Funktion weniger sein).
Es bleibt also viel zu tun im Online/Offline Handel. Bleibt aber auch zu hoffen, dass insbesondere den jungen nachwachsenden neuen Shop- mit Markenkonzepten durch die VCs auch die Chance gegeben wird, ihr ursprüngliches Konzept auch umzusetzen und nicht in eine reine Verkaufsplattform-Ecke gedrängt zu werden, nur weil diese Konzepte vor einigen Jahren mal funktioniert hatten. Sonst wird das nichts mit dem eCommerce-Deutschland…